Antonio di Santis - Reflexionen und Introspektive

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    • Antonio di Santis - Reflexionen und Introspektive

      Es passiert viel und bei aller Fokussiertheit auf meine diversen Projekte nehme ich mir zu wenig Zeit für Reflexion und Introspektive. Es ist an der Zeit, meine Gedanken zu ordnen und wichtige Erlebnisse festzuhalten.

      Es ist eine seltsame Welt, in der wir hier gelandet sind. Von Woche zu Woche wird mir klarer, dass wir hier Teil eines bizarren und unsere Vorstellungskraft übersteigenden Experiments sind. Ein genauer Blick auf die Obelisken zeigt, dass hinter dieser Welt Technologien stehen, die dem was wir auf der Erde kennen in etwa soweit voraus sind, wie das Smartphone vom Stück Kohle in der Hand des Höhlenmenschen entfernt ist.

      Das gegenseitige Abschlachten, das die Sankros „Training“ nennen, hat mich nachdenklich gemacht. Und es gab mir die Möglichkeit, den Mechanismus vom Sterben und wieder Auferstehen genauer zu betrachten. (Randnotiz: Unter den Voraussetzungen dieser Welt, erscheint die Geschichte von Jesus v. Nazareth um einiges plausibler, aber gleichzeitig auch wenig spektakulär.)
      Der Kopierprozess geschieht hier quasi zeitgleich mit dem Eintreten des Todes. Das legt die Vermutung nahe, dass dies automatisiert von einem autonom agierenden System geschieht.
      Jeder Kopiervorgang birgt die Gefahr von Fehlern. Was wären die Auswirkungen von solchen Fehlern?

      Dieser Kämpfer Che ist ein interessanter Bursche. Oberflächlich scheint er sehr einfach gestrickt zu sein, aber die Fragen die er stellt treffen oft den Kern grundsätzlicher Rätsel, die uns diese Welt aufgibt. Es war eine sehr interessante Diskussion vorgestern. Was macht uns als Menschen aus? Gibt es so etwas wie eine Seele? Wenn wir hier sterben, werden wir mitsamt unseren Erinnerungen „kopiert“. Wenn wir einen Schlag auf den Kopf erhalten, wird ein Teil unserer Erinnerung ausgelöscht. Erinnerung scheint demnach rein biochemisch zu funktionieren. Unsere Identität wäre demnach mit unserem Körper verbunden. Die Seele, oder der Geist wäre dann nichts weiteres als Energie. Stirbt der Körper, stirbt auch die Identität und das Bewusstsein. Wo wäre dann der Unterschied zum Tod ohne Seele? Es gäbe keinen.

      Oder „leben“ wir hier in einer Simulation, wie in den Matrixfilmen?

      Ich glaube, dass wir auf diese Fragen ebenso wenig eine Antwort erhalten, wie es auf der Erde der Fall war. Darum sollte ich meine Energie darauf fokussieren, wie ich das Hier und Jetzt verstehen kann. Das Beisteuern von Positivem und Konstruktivem an diese von uns erlebte Welt soll im Fokus stehen.
    • In den letzten Wochen ist es still geworden im Castello. Vor kurzem noch ein Ort des Austausches, der Begegnung, ist meine Stimme meist die einzige in dessen Hallen. Ich glaube, Ammaniez wird nicht mehr hierher zurückkehren. Sie scheint sich bedingungslos den Sankrus anschliessen zu wollen. Und ich kann sie durchaus verstehen. In dieser Welt kann ich ihr nicht den Schutz bieten, den sie aufgrund ihrer Vergangenheit sucht.
      Trotzdem schmerzt es mitansehen zu müssen, wie sie sich demütig den beiden Anführern unterwirft.
      Wir Di Santis sind stolz und eigenständig. Wir ordnen uns nicht unter. Aber was hat sie schon von unserer Familiengeschichte mitbekommen? Ich hoffe diese Stärke liegt in unseren Genen und setzt sich auch bei ihr irgendwann durch.

      Hätte ich ihr mehr Aufmerksamkeit widmen sollen? Ich war so fokussiert auf meine Projekte, dass ich alles andere ignoriert habe. Ich bin es vielleicht zu gewohnt, alleine, nur für mich zu sein.
      Immerhin scheint dieser Ray ein aufrichtiger Bursche zu sein und seine offensichtlich starken Gefühle für sie echt.

      Die Sankru. Ein Pakt mit ihnen einzugehen war vielleicht der grösste Fehler, den ich auf dieser Insel bisher gemacht habe.

      Je besser ich sie kennenlerne, umso mehr sehe ich die Ähnlichkeiten zu einer Mafia-Familie. Sie unterscheiden die Welt in zwei Arten von Menschen: Ihre Gegner und diejenigen, die noch nicht ihre Gegner sind. Sie arbeiten mit Manipulation, Drohungen und Einschüchterungen um ihre Ziele zu erreichen und versuchen jede Beziehung zu kontrollieren.

      Hinter dem „weltlichen“ Gesicht, das Ulysses und Ramona als „Lowbloods“ abgeben, stecken mir schwer durchschaubare Motive der wirklichen Führung. Wie hat Ramona gestern gesagt? Sie seien quasi die Handlanger von Vaan und der Königin. Das scheint mir nicht nur auf der Baustelle der Fall zu sein. Da steckt wohl mehr Wahrheit dahinter, als sie sich eingesteht.

      Worte sind leere Hüllen. Der wahre Kern offenbart sich durch die Taten. Und diese Taten sind oft skrupellos, wie beispielsweise das Verbrennen von Feinden auf dem Scheiterhaufen.

      Vordergründig geben sie vor, nur das beste zu wollen. In Wahrheit interessiert sie nur der Ausbau und die Sicherung ihrer eigenen Macht.
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      Und jetzt hantieren sie offenbar mit Artefakten herum. Wenn ich das richtig gehört habe, spielt diese andere Welt „Fallen“ dabei eine Rolle. Wenn schon ein Splitter einen fatalen Einfluss auf die Persönlichkeit eines Menschen hat, was stellen dann die vollständigen Artefakte mit einem an? Sind Vaans Gedächtnislücken vielleicht eine Nebenwirkung vom Umgang mit Artefakten? Was auch immer sie planen. Ich glaube nicht, dass daraus etwas gutes entstehen kann.


      Man kann mir lange erzählen, dass man sich dieser Welt „anpassen“ müsse. Das grösste Unheil dieser Welt entstammt der Mentalität und den Traditionen der sogenannten „Highbloods“. Im Vergleich zu hier ist die Erde ein Hort des Friedens. Der Grossteil der Menschen auf der Erde will nur in Frieden leben und wir haben ausgeklügelte Mechanismen erschaffen, um die Barbarei zumindest stark einzudämmen. Etwas mehr „Erden-Kultur“ und etwas weniger „High-Blood“-Hass und Intrigen würde dieser Insel gut tun. Hier herrscht das Recht des Stärkeren. Und die Sankru sind mit Abstand die Stärksten. Sie werden dies gnadenlos ausnutzen, um diese Insel zu kontrollieren.

      Und Ammaniez stürzt sich geradewegs in die Arme dieses Clans. Ich glaube sie ist sich noch weniger bewusst, worauf sie sich einlässt, als ich es war. Immerhin hätte ich mit meiner Vergangenheit die Risiken besser einschätzen müssen. Hätte, können, müssen, habe ich aber nicht.

      Ammaniez hat mir ihr Herz geöffnet und ich hielt meines verschlossen. Ich bin es ihr schuldig, gleichzuziehen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät, ihr die Augen zu öffnen.
      Sie ist sich offensichtlich nicht bewusst, dass sie mit ihrer naiven, offenen Art andere in Gefahr bringt. Die Sankru quetschen sie aus wie eine Zitrone, um an Informationen über "Freund" und Feind zu kommen.
      Ich werde in Zukunft äusserst zurückhaltend sein müssen, was Äusserungen über andere Inselbewohner ihr gegenüber betrifft. Noch mehr, was meine Ansichten zu den Sankru angeht. Ersteres wird wohl ungefiltert weitergegeben werden. Und was Zweiteres betrifft, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Loaylität auf die Seite der Sankru kippt.

      Spätestens dann bin ich wieder ganz auf mich alleine gestellt. Vielleicht gibt es tatsächlich so etwas wie Karma. Das wäre zumindest so etwas wie eine Erklärung dafür. Schade bin ich nicht abergläubisch.
    • Antonio di Santis sitzt im Kerzenschein an seinem Schreibtisch und starrt in die Schwärze der Nacht. Er atmet tief ein und wendet seine Aufmerksamkeit dem vor ihm liegenden Notizbuch zu. Er beginnt zu schreiben:

      Es geht zu Ende mit dieser Welt. Und ich sitze hier, vertieft in meine Experimente. Schon wieder verdränge ich meine Verantwortung durch die Flucht in meine Arbeit. Habe ich Angst davor, dass Ammaniez mir nach etwas Bedenkzeit nun doch nicht verzeihen kann? Wie kann sie mir das Schicksal unseres Halbbruders Dario verzeihen?
      Nach unserem Vater ist sie der einzige Mensch, dem ich diese Geschichte je erzählen konnte.
      Sie hat so unglaublich verständnisvoll reagiert. Sie hat mich umgehend ihre bedingungslose Loyalität spüren lassen. Kann das sein? Nach dem was ich getan habe? Nach meiner direkten Schuld an seinem grauenhaften Tod, an der Folter eines unschuldigen achtjährigen Kindes?

      Die Tinte ist an einigen Stellen durch Tropfen verschmiert.

      Hätte sie das Video seiner Exekution nur einmal anschauen müssen, ich glaube nicht, dass sie hätte so reagieren können.
      Aber sie hat mir verziehen. Sofort, ohne Zögern. Sie stellt sogar jedes Mal einen Blumenstrauss auf die Treppe, wenn sie vorbeikommt und wir uns nicht sehen. Womit habe ich das verdient?

      Vielleicht war es ein Glück, dass wir so früh getrennt wurden. Auf diese Weise habe ich sie durch meine verantwortungslosen Teenager-Dummheiten nicht für immer verloren. Sie ist das einzige, was ich noch habe in meinem Leben. Und ich sitze hier und forsche an sinnlosen Chemie-Experimenten herum.

      Die Familie ist alles was zählt. Das haben mir unser Grossvater und unser Vater eingetrichtert und vorgelebt. Di Santis halten zusammen, gerade in schweren Stunden. Es ist nun an mir, unseren Werten gerecht zu werden. Ich werde jetzt den Raben zu den Sankru schicken, damit sie weiss, dass ich zu ihr komme.
      Sobald es hell wird, reite ich los.

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      Wer am letzten Montagmorgen früh, kurz vor Sonnenaufgang das Castello in den Highlands im Blick hatte, konnte einen Raben sehen, der vom obersten Stockwerk in Richtung Wüste davon flog.
      Wäre es jemandem möglich, dem kleinen Raben zu folgen wäre ihm aufgefallen, dass dieser gehetzt und scheinbar desorientiert ständig die Flugrichtung änderte. Nach einer Weile liess er sich schliesslich erschöpft auf einem Baum in den Redwoods nieder. Sein verzweifeltes Rufen blieb nicht ungehört. Der Thylacoleo auf dem Baum nebenan schien sein Ziel bestens zu kennen: Mit einem federleichten Satz verkürzte die Raubkatze die Distanz. Für den kleinen Raben wurde es für immer dunkel, noch bevor die Sonne richtig aufgegangen war.

      Nur kurze Zeit nach dem Wegflug des Raben öffnete sich das Haupttor und ein Mann auf einem grau-braunen Wolf verliess in grosser Eile die schützenden Mauern. Die beiden waren in Richtung rotem Obelisken unterwegs, verschwanden alsbald in den Schatten der frühen Dämmerung.

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      Die Sonne geht auf über der Wüste auf Ragnarok. Von oben betrachtet erscheint diese wundersame Welt wahrlich paradiesisch. Die ersten Sonnenstrahlen beginnen die Dünenspitzen zu wärmen und verdrängen die Schatten langsam aus ihren Löchern.

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      Doch wer Ragnarok kennt, der weiss, dass diese Idylle eine Illusion ist, eine Fata Morgana. Wer genau hinsieht bemerkt all die Kreaturen, die jagen, gejagt werden, die sich andauernd bekämpfen.

      Vom roten Obelisken im Norden her, prescht ein einsamer Wolfsreiter auf die Wüstenebene. Der grau-braune Wolf rast leichtfüssig über die Sanddünen, als schwebe er auf den rot-gelben Sonnenstrahlen.

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      An der Kante eines Hügels setzt der Wolf zum Sprung an.

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      Aber er fliegt viel zu weit. Das Morgenlicht scheint ihn immer weiter und weiter zu tragen, als ob die Schwerkraft noch nicht richtig erwacht wäre. Doch dann stürzen die beiden Gefährten aus grosser Höhe auf den Boden. Vom gleissenden Licht in dunkle Schatten. Ein schmerzerfülltes Jaulen schallt durch die Wüste.

      Der Sand scheint den Sturz des Reiters gemildert zu haben. Doch sein linker Fuss hat die Sache nicht heil überstanden. Vor allem aber ist es der Wolf, der nicht unversehrt geblieben ist: Seine linke Vorderpfote ist gebrochen.

      Trotz grossen Schmerzen gibt der Wolf dem Mann zu verstehen, dass er aufsitzen soll. Und so machen sich die beiden humpelnden Schrittes auf den Weg nach Westen.

      Die Wahrheit hinter der Fata Morgana offenbart sich nicht lange nach dem Sturz: Ein Mantis und ein Tausendfüssler wittern das geschwächte Paar und greifen umgehend an.

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      Doch ein Wolf ist eines der gefährlichsten Raubtiere und er bleibt es auch verletzt. Und so ist der Ausgang dieses Kampfes so, wie man es erwarten würde. Wer genau hinschaut, erkennt dennoch tiefe Schnittwunden an der linken Flanke des Wolfes. Die scharfen Klauen des Mantis haben ihr Ziel nicht verfehlt.

      Mit grosser Mühe schleppt sich der Wolf an der Seite des Mannes weiter. Doch schon nach kurzer Zeit, brechen ihm die Beine weg und er bleibt vor Schmerzen winselnd im Sand liegen.

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      Fassungslos versucht der Mann den Wolf zu beruhigen. Er krault ihn liebevoll hinter den Ohren, doch seine sanften Worte verhallen wirkungslos in der unbarmherzigen Einöde.
      Wohl wissend, dass es keine Rettung mehr geben würde, fällt der Mann dem Wolf um den Hals und verbirgt sein Gesicht in dessen Fell. Niemand kann sehen, wie seine Tränen das dunkle Fell tränken.
    • Da beginnt der Boden unter den beiden zu beben. Alarmiert steht der Mann auf und dreht sich um. Die Erschütterungen werden stärker und nicht weit entfernt wirbelt eine bodennahe Staubwolke in Richtung der zwei. Der Mann zückt sein Schwert und geht der Staubwolke entgegen.

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      Da tut sich wenige Meter vor ihm die Erde auf und ein haushohes Monstrum schraubt sich aus dem Sand in die Höhe.

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      Der einsame Wächter stellt sich schützend vor seinen verletzten Gefährten und erhebt sein Schwert.

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      Im Vergleich mit unserem tapferen Wolfsreiter vor dieser Bestie, muss Don Quijote vor seinen Windmühlen wie ein Riese gewirkt haben.

      Unbarmherzig fährt das Monster auf sein Opfer nieder, zerschmettert es und reisst es mit sich in die Tiefe.
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      Nur der Wolf bleibt zurück. Endgültig erschöpft, verlassen ihn seine letzten Lebensgeister.
      Es kehrt Stille ein. Nur der Wind wirbelt sanft den Sand über die Dünen.

      Wer nun aus einiger Entfernung gegen Osten in die aufgehende Sonne schaut, bekäme einen wundervollen Sonnenaufgang zu sehen. Eine der Romantik würdige Idylle sondergleichen.

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      Doch wer genauer hinsieht, bemerkt den Wolf, tot im vom eigenen Blut rot gefärbten Sand liegend. Und ihm wird dämmern, dass diese Welt eine unbarmherzige und grausame ist.