Von Sheona

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    • Für mich die Welt von oben, für Ubba von unten...


      Eine weite Reise liegt hinter uns. Mir scheint, wir haben mit unseren Einbäumen die halbe Insel umrundet, mehrmals wechselten Sonne und Mond, bevor wir wieder hier in unserem Lager ankamen... Reynir strahlt eine solche Kraft aus, wie ich es lange nicht mehr bei ihm sah. Die neue Welt scheint ihn wirklich zu beleben, er ist voller Tatendrang und erweckt nicht mehr den Eindruck eines alten Mannes, sondern eher den eines jungen Kriegers... Charlie und ich hatten Mühe, mit Reynir Schritt zu halten, nachdem wir uns bei Sonnenaufgang von dessen Behausung aus auf den Weg machten. Auf Charlies Spuren folgte Vivine, vollkommen friedlich uns Menschen gegenüber, was ein Zeichen dafür ist, dass Charlie sein Handwerk sehr gut versteht. Unser Fußmarsch war lang und führte durch unebenes und unübersichtliches Gelände, verlief jedoch recht ruhig und gefahrlos. Den Zahn des Gott des Todes, Rex wie die Erdlinge ihn nennen, umgingen wir...

      Unterwegs dachte ich über mein zweites Gespräch mit Charlie nach. Seine Entschuldigung war nicht nötig gewesen, vielmehr versuchte ich, ihm meine Gedanken darzulegen, ohne dass die Worte nach Schwäche klangen... Er verstand sie und sagte, dass auch seine Wege immer und immer wieder ins Nichts führten oder unbegehbar wurden. Ganz so, als würde es den Göttern gefallen, ihm ständig das zu nehmen, was er erreicht hatte... Ja, die Götter lieben das Chaos. Und doch gewähren sie uns manchmal eine Gunst, wenn wir uns ehrvoll und mutig zeigen. Auch finden wir Ruhm in ihren Augen, wenn wir uns trotz aller Übel nicht beugen lassen... Dies ist wahrlich nicht immer leicht, auch ich hatte in der letzten Zeit viele Momente des Zweifels... Aber wie wir über diese Dinge sprachen und ich ihm dann auch von meinen Eltern erzählte, da fühlte ich die Stärke meiner Ahnen und schöpfte neue Kraft daraus...

      Jedenfalls führte Reynir uns zu einem Platz, an welchen er gedenkt umzuziehen. Zugegebenermaßen weist dieser Ort einige Vorteile gegenüber unserem jetzigen Lagerstelle auf, so fühlt man sich etwa wie ein Vogel und kann unendlich weit schauen. Trotzdem steht mir nicht wirklich der Sinn danach, nach all der Arbeit in den letzten Tagen unser gerade fertig gestelltes Zuhause wieder zu verlassen und von vorne zu beginnen... Auf der anderen Seite gibt mir das Beschäftigung, eine weitere Aufgabe neben der Herstellung des Sattels für Charlie, sowie Freude für Reynir. So ist es also beschlossene Sache, dass wir in der nächsten Zeit damit beginnen werden, dort erneut etwas aufzubauen...

      Der Rückweg nach Hause verlief in Eile, denn Reynir war in Sorge um die Raptoren, nachdem wir einige Tage fort gewesen waren. Schnell war festgestellt, dass diese Sorge unbegründet war, jedoch kamen wir wohl gerade rechtzeitig an, um Ubba zu begrüßen. Mich zu ihm hinab beugend war es eine seltsame Vorstellung, wie anders die Welt für ihn aussehen muss... Je nach Blickwinkel kann ein und dieselbe Sache groß oder klein erscheinen...
    • Das friedliche Land


      Einige Tage sind vergangen, viel Arbeit liegt hinter uns, in welcher das neue Lager Gestalt annahm. Der Stall, Reynirs und auch meine eigene Hütte stehen, so dass wir nun gut leben können, auch wenn noch einiges zu tun ist. Aber das hat Zeit... Der Neubeginn beinhaltete auch einen Abschied. Ubba starb kurz nach seiner Geburt auf der Reise zu unserem neuen Zuhause. Er trug den Namen eines großen Kriegers, aber es war der Wille der Götter, dass er seine Kämpfe nun auf der anderen Seite der Brücke führt... So nahe liegt Leben und Sterben beieinander, dass Ubba am selben Tag ging, an welchem Rae sich aus ihrem Ei hinaus arbeitete. Sie ist das Ebenbild ihres Bruders und die Erinnerung an Ubba wird in ihr fortleben...

      Abends saß ich oft im Licht des Feuers und bereitete die einzelnen Teile für den Sattel vor. Ich schliff Knochen und Holz, schnitt Leder und Schnüre zurecht und habe auch seit einigen Tagen Häute in der Grube mit Wasser und zermahlenen Knochen liegen, so dass diese besonders weich sein werden. Charlie hat mir das Maß für Vivine gezeigt, als wir ihn nun besuchten und ich denke, wir können bald mit der Herstellung beginnen... Ich war sehr erfreut, dass wir endlich die Zeit für den Besuch fanden. Es tut gut, mit einem anderen Menschen außer Reynir zu sprechen, zumal unser Zusammenleben oft von Stille geprägt ist. Es gibt nicht viel zu sagen, wenn wir unseren jeweiligen Aufgaben und Arbeiten nachgehen und Snotras Fehlen scheint mir umso deutlicher in dieser Ruhe...

      Auf dem Weg zu Charlie sahen wir erneut den Zahn des Gott des Todes und später, als wir zu dritt unterwegs waren noch mehr seiner Art, aber wir konnten sie ohne Probleme umgehen... Zuerst aber verweilten wir bis zur Dämmerung in Charlies Behausung, deren Aufbau seit unserem letzten Besuch ebenfalls weit vorangeschritten ist. Ich bestaunte dieses seltsame Tier, welches ich in der Nähe des Blutwaldes auch schon einmal gesehen hatte. Es saß lange starr und reglos, bis es plötzlich begann zu leuchten und auch Töne von sich gab. Diese Welt hat wahrlich nicht nur wundersame Landschaften, sondern auch sehr eigenartige Bewohner... Nachdem wir uns eine Weile unterhalten hatten, spielten wir dann noch ein Erdling Spiel, bei welchem es darum ging, die richtige Waffe für den Kampf voraus zu sehen und ich gewann die Runde gegen Charlie und erhielt eine Zitrone als Preis. Die Frucht war ein seltener Genuss...

      Jedenfalls machten wir uns dann auf die Erkundungsreise, erst zu Fuß, dann mit den Einbäumen in das unbekannte Gebiet. Schlugen wir uns anfangs noch gegen einige Schlangen, Insekten und Spucker, so war die Region, wo wir schließlich anlandeten und erneut zu Fuß weiter gingen von solch einer ausgesprochenenen Friedlichkeit, dass es kaum zu glauben war. Grünes, fruchtbares Land mit vielen Wasserquellen und nur wenigen Tieren, von welchen die meisten Pflanzenfresser waren. Hier und da ein Spucker, in den größeren Gewässern Krokodile und Schnappfische, aber in der Gesamtheit so ruhig und gefahrlos, dass es mir schon fast wie ein Trugbild vorkam... Wir entdeckten eine weitere uns nicht bekannte Tierart, sahen einige der kleinen, bunten Drachen und seltsame Pflanzen. Und nachdem wir erhöhtes Gelände erklommen hatten, beschied uns der Ausblick die enorme Größe dieses friedlichen Landes...

      So einladend diese Region auch erschien, löste sie in mir Unbehagen aus. Dort zu leben wäre wie das Verharren in einem Traumbild, ein Ort welchem die Wirklichkeit fehlt... Vielleicht liegt ein Zauber zwischen all den Bäumen, Blumen, Pilzen und Kristallen... Vielleicht soll dieser Zauber diejenigen blenden und gefangen halten, welche schwach im Geiste sind... Wie sagte Charlie? Das grüne Land auf Ragnarok machte seine Bewohner blind und unvorsichtig für die Gefahren der Welt... Ja, an einem solchen Ort zu leben würde nicht Stärke, sondern Schwäche fördern. Und Schwäche öffnet das Tor, durch welches Unheil eintritt...
    • Aufgaben


      Hier sitze ich also wieder, an meinem Platz über der Welt. So oft meine Augen auch suchend in die Ferne wandern, entdecken sie doch nichts Ungewöhnliches, nichts was das gleichbleibende Bild durchbricht... Wolken fliegen über den Himmel, das Blätterdach des Waldes wiegt sich im Wind, welcher auch mich sachte streift... Ja, in solchen Momenten denke ich viel nach, aber noch mehr warte ich, warte darauf etwas oder jemanden zu erblicken, eine Veränderung, einen Pfad, ein Zeichen...

      Die Zeit, welche ich bei Charlie verbrachte und mit ihm zusammen den Sattel für Vivine baute erschien mir kurz, obwohl wir doch viele Stunden arbeiteten. Wie ich es erwartet hatte, hat er eine schnelle Auffassungsgabe und arbeitet sehr ordentlich. Das Ergebnis unseres Tuns kann sich sehen lassen, der Sattel sitzt fest und sicher, ohne dass Vivine in ihren Bewegungen eingeschränkt wäre... Nun, nachdem dies getan war half ich Charlie noch dabei, die Erde für seinen Garten umzugraben. Ich frage mich, ob dies nicht auch etwas für Reynir wäre. Immerhin verbraucht er eine große Menge an Pflanzen, wenn er seine Tränke herstellt... Ich werde es ihm später vorschlagen. Er war im Lager geblieben, um sich um die Raptoren zu kümmern, während ich mit dem Einbaum zu Charlie fuhr und seit ich zurück bin, habe ich ihn noch nicht gesehen...

      Eigentlich wäre ich gerne noch etwas länger bei Charlie geblieben, denn ich mag seine Gesellschaft. Aber ich wollte nicht unhöflich sein. Da er mich auch nicht zum Bleiben einlud und zurdem recht wortkarg war, verabschiedete ich mich schließlich und machte mich auf den Heimweg. Zu Fuß diesmal, weil mein Einbaum sich so tief im Uferschlamm vergraben hat, dass ich es trotz aller Kraftaufwendung nicht lösen konnte... Auf diesem Weg sah ich zum ersten Mal diesen Nadelschießer, ein wahrlich ungewöhnliches Tier! Ob seine Pfeile wohl Holz durchschlagen können? Ich sollte mich wohl bald nach geeignetem Holz für einen neuen Schild umsehen... Jedenfalls sah ich zurück im Lager zuerst nach dem Rechten und stellte fest, dass es um die Vorräte noch gut bestellt ist und nicht nötig, auf die Jagd zu gehen. Auch begrüßte ich Rae und die anderen, bevor ich zu meiner Hütte ging. Ob es irgendwann so sein wird, wie Reynir es sich vorstellt? Man mehr menschliche Stimmen hört...

      Ich denke, ich werde mich in den nächsten Tagen damit befassen einen weiteren Sattel zu bauen... Vielleicht erkunden wir auch weiteres neues Gebiet. Es ist wichtig, dieses Land zu kennen... Vielleicht finde ich auch ein geeignetes Reittier, dann wären weite Strecken einfacher zu bewältigen... Das bringt meine Gedanken wieder zu Snotra und ich schaue in die Ferne...
    • Skrollan die Hübsche


      Ich fand sie einsam, als einzige noch aufrecht auf einem Kampfplatz, einem Schlachtfeld stehend... Mit zitternden Flanken und vor Blut und Speichel triefenden Lefzen witterte sie die Eisenluft zwischen den Kadavern... Eine lange Zeit verharrte ich still in der Deckung der Sträucher und beobachtete ihr Tun... Langsam, ganz langsam zog ich einen der Giftpfeile aus meinem Köcher, während sie zwischen den Toten umher ging... Langsam, ganz langsam spannte ich den Pfeil ein, während sie an jeder Leiche schnupperte und dabei grollende Geräusche von sich gab... Das Bild, welches sich mir bot, deutete darauf hin, dass hier ein Gebietskampf zwischen ihrer und der anderen Gruppe stattgefunden hatte. Die anderen, die ihrer eigenen Art so ähnlich sind hatten verloren, denn sie stand noch. Als einzige inmitten der Toten... Ihr Rudel war gefallen, wie auch mein Stamm einst um mich gefallen war...

      Sie stand mit dem Rücken zu mir und während ich zielte, bat ich die Götter um Beistand, damit mein Pfeil genau die Stelle treffen sollte, welche ich gewählt hatte... Der Pfeil schnellte davon und schlug in einem leichten Bogen dort in ihre Haut, wo er keine schlimmeren Verletzungen verursachen würde... Sie brüllte augenblicklich auf, drehte sich ruckartig um sich selbst und es schien, als würden ihre Augen sich in mich bohren... Dann rannte sie los, als ob sie selbst der Gegenpfeil in meine Richtung sein sollte, flog sie förmlich über den sandigen Boden... Ich ließ die Armbrust fallen, griff meinen Speer mit beiden Händen, rammte sein Ende in den Boden vor mir, damit er guten Halt haben würde, wenn sie hinein laufen sollte... Dabei wollte ich sie nicht töten... Stumm zählte ich die Schritte, welche sie zu mir brachten und gerade, als ich glaubte, das Gift sei zu schwach gewesen, da fing sie an zu taumeln und sank nur ein paar Hand breit vor mir nieder...

      Nachdem ich sicher gestellt hatte, dass sie tief schlief, entfernte ich den Pfeil aus ihrem Oberschenkel und besah mir dann die anderen Tiere... Eines lebte noch, die Seite aufgerissen bis auf die Gedärme und ein ganzer Schwarm von Fliegen stob davon, als ich mich näherte. Dieses Tier winselte leise und in seinen Augen stand Schmerz wie eine Bitte, so dass ich meinen Speer durch sein Herz stieß, eine Gnade an einen tapferen Kämpfer... Dann machte ich mich daran, aus zwei stabilen Ästen eine einfache Trage zu bauen. Um sicher zu gehen, dass sie nicht erwachen würde, schmierte ich ihr noch etwas von dem Gift in den Mund und wie ich so nahe an ihrem Gesicht war und sie mir genau ansah, da wirkten ihre Züge trotz des Schlafes nicht freundlicher. Ich erinnerte mich an eine alte Geschichte und während ich sie an die Trage band, flüsterte ich ihr ins Ohr, dass sie Skrollan die Hübsche sei...

      Skrollan, kurz Skrol, verschlief die ganze Reise und dies ist wohl gut so. Es dauerte sehr lange, sie auf der Trage hinter mir her ziehend die Strecke zu bewältigen, welche mir zu Fuß so kurz erschienen war und dabei auch noch die Umgebung aufmerksam im Auge zu behalten... Als unser Lager in Sichtweite war, ließ ich die Trage auf den Boden nieder und holte Grun, welcher die Schlafende zwar skeptisch beäugte, aber zuverlässig wie er ist, ließ er sich ohne Probleme dazu bringen, an meiner Stelle die betäubte Fracht weiter zu ziehen... Nun, ich brachte sie in den von mir gebauten Stall, wo ich Wasser und Fleisch für sie bereit stellte und mehrfach prüfte, ob die Leine, an welche ich sie gebunden hatte, halten würde. Dann verschloss ich den Eingang und ließ mich in einiger Entfernung davor nieder...

      Hier sitze ich nun, beobachte Skrol und danke dem Schicksal, denn Schicksal muss es sein... Reynir wird Augen machen, wenn er sie sieht...
    • Irrwege


      Es schien mir, als paddle ich unendlich durch den Nebel... Anfangs waren die weißen Schwaden so dicht, dass sich die Wolken meines Atems in der kalten Luft kaum abzeichneten und ich sah die Eisschollen erst, wenn mein Einbaum fast dagegen stieß... Langsam und vorsichtig musste ich meinen Weg hindurch suchen und konnte nur hoffen, dass mein Instinkt mir weiter die richtige Richtung wies. Das Knirschen der Schollen, die von den Wellen gegeneinander getrieben wurden, erinnerte mich an die Kämpfe, welche wir am frühen Morgen an dem vereisten Fluss geführt hatten... Daran, dass ich mich in die kalten Fluten stürtzen musste, um den Klauen zu entkommen und wie meine nasse Pelzrüstung mich erst an den Grund ziehen wollte und später förmlich an dem eisigen Schnee kleben blieb... Zwar hing ich nicht fest, wie der blutrote Zahn des Gott des Todes, aber es war so schmählich, dass ich daran dachte, einfach liegen zu bleiben...

      Als der Neben lichter wurde und ich mit meinen Einbaum an dem großen Wald vorbei paddelte, erinnerte ich mich unweigerlich an unsere Erlebnisse vom Vortag dort... Ging es anfangs noch gut, dass ich zu Fuß hinter Charlie auf Vivine, sowie Reynir auf Grun her lief, so wurde es dort merklich schwerer... Giftbringer, Diebe, Insekten und schließlich die Baumkatze... Ich weiß nicht, warum sie plötzlich ihre Jagd aufgab und stattdessen meine Fährte aufnahm... Ich wusste nur, dass ich sie alleine mit meinem Speer nicht besiegen konnte und musste eine unrühmliche Flucht versuchen, welche natürlich scheiterte... Die Götter lachten wohl über die Wahl, welche ich traf und es war eine große Schmach, als ich vor Reynirs und Charlies Augen wieder erwachte. Vaters Rüge war nicht nötig, um mir mein Misslingen aufzuzeigen...

      Ja, mein Rückweg alleine über das Meer lies genug Zeit, all die Begebenheiten unserer Reise noch einmal zu durchdenken. Zumal ich mich zwischen all den kleinen Inseln schließlich wie in einem Spinnennetz gefangen sah. Immer wenn ich dachte, ein Wasserlauf würde mich zu dem gesuchten Fluss bringen, verlief dieser Weg sich im Sande, so dass ich wieder wenden musste... Wir waren wirklich weit durch unbekanntes Gebiet gereist in diesen zwei Tagen und hatte auch viel Interessantes gesehen, aber selbst wenn man dafür hält, dass ich als einzige von uns zu Fuß unterwegs war, so reicht dies nicht aus, um mein Scheitern zu entschuldigen. Charlie, welcher großen Mut zeigte und zusammen mit Vivine den Platz des Verteidigers unserer Reisegruppe einnahm, wird wohl einen schlechten Eindruck gewonnen haben... Dieser Gedanke sticht mich wie ein lästiges Insekt, außerdem bemerkte ich unterwegs, dass er vieles falsch versteht, was ich sage. Dies mag an den Unterschieden unserer Herkunft liegen, an den Welten die uns trennen, oder aber daran, dass ich mich nicht gut ausdrücken kann. Ich habe wohl zu viel verlernt in den Jahren des verborgenen Lebens... Auch die Pelzmütze, welche ich ihm schenkte, schien ihm nicht recht zu gefallen...

      Ich habe das Gefühl, ich muss noch einiges richtig stellen. Während wir gerastet hatten, um das Morgengrauen abzuwarten, lenkte Reynir unser Gespräch wieder in diese eine Richtung, welcher ich wirklich überdrüssig bin... Er mag träumen und hoffen, aber ich sehe es so, wie es ist und es ist nicht nötig, mich ständig daran zu erinnern. Es macht nur trübsinnig, sonst nichts... Aber nun gut, was gesagt wurde, wurde gesagt und was verstanden wurde, wurde verstanden. Vielleicht erhalte ich die Gelegenheit, mich besser zu erklären, vielleicht auch nicht... Als ich schließlich nach meiner langen Irrfahrt zurück beim Lager war, brach bereits die Dunkelheit herein. Ich sah, dass Grun im Gehege stand, so mussten Reynir also auch da sein. Charlie wird wohl direkt zu seinem eigenen Zuhause geritten sein... Nachdem ich meine klamme Rüstung neben das Feuer gelegt hatte, ging ich zu Skrol. Ihre kalten Augen sogen sich an mir fest und sie zerrte heftig an der Leine, aber ich machte mich groß und blickte grimmig zurück. Das Fleisch, welches ich ihr hinwarf, fraß sie nach kurzem Zögern und nachdem sie noch eine Weile in meine Richtung gegrollt hatte, ließ sie sich schließlich nieder und beäugte mich still. Ich sprach noch lange zu ihr, bevor ich mich in meine Hütte zurück zog... Die Reise war anstrengend und zu vieles nagt an mir...
    • Ein guter Tag


      Ich hatte nicht damit gerechnet, so schnell die Dinge klären zu können, welche mir seit unserer Reise ins Eisland durch den Kopf gingen. Stattdessen beschäftigte ich mich mit der Reperatur meiner Rüstung, saß oft bei Skrol und sprach zu ihr, um sie an mich zu gewöhnen... Zwei, drei Tage nach meiner Rückkehr trat Reynir auf mich zu und sagte, ich solle mitkommen Charlie zu besuchen... Diesmal ritt ich Grun und Vater versuchte sich mit Wit, welche ihn zwar als Reiter akzeptierte, sich jedoch nicht dazu bewegen ließ, einen anderen Weg als den in Gruns Spuren zu gehen. Trotzdem ein Fortschritt... Am Strand des Flusses trafen wir auf drei Rexe, zwei von ihnen waren gemeinsam auf der Jagd und wir suchten uns einen recht schmalen Pfad zwischen ihrem Wüten hindurch. Dann standen wir vor Charlies Tor...

      Es war die Erdling Frau Samatha, welche uns einließ. Charlie hat wahrlich ein gutes Herz. Ich selbst hätte sie wohl nicht bei mir aufgenommen... Mir scheint, sie kann sich nicht entscheiden und vergisst dabei, dass man irgendwann keine Wahl mehr hat... Sie erhielt Unterschlupf, Verpflegung und die Aussicht auf Unterricht, doch dies kann nicht funktionieren, wenn sie sich nicht an die Worte ihres Lehrers hält. Wer gewillt ist, zu lernen, der nimmt auch die unangenehmen Seiten in Kauf... Ich verstehe diese ganzen Widersprüchlichkeiten in ihrem Wesen nicht... Ich versuchte ihr zu erklären, dass wer Fleisch essen möchte, auch dazu in der Lage sein sollte, ein Tier zu jagen, zu häuten und auszunehmen. Und wenn man wirklich nicht zum Jäger taugt, so kann man sich in etwas anderem hervor tun... Sie sollte dankbar sein, mit Charlie einen so geduldigen Lehrer gefunden zu haben. Meine Lehre wäre eine viel härtere, oder eben gar nicht erst möglich...

      Wie auch immer, überraschender Weise traf kurz nach unserer Ankunft ein weiterer Besucher ein. Dieser war ein Mann, welcher wie ich selbst auf Centra geboren wurde und ich war sehr erfreut über sein höfliches Benehmen. Viel zu lange ist es her, dass mir jemand auf solche Art seinen Respekt erwies und es ist gut zu wissen, dass nicht nur unwissende Erdlinge in dieser Welt leben... Jemand, der erfurchtsvoll von meinen Ahnen spricht... Ja, dies war ein wahrlich freudiges Erlebnis! Natürlich lässt sich seine Person nicht an dieser einen Geste der Ehrerbietung und den wenigen Worten bemessen, doch er hinterließ fürs Erste einen guten Eindruck. Man wird sehen, was aus dem von ihm angestrebten Handel mit Reynir wird und ob sich aus dieser Begegnung ein weiterer Kontakt ergibt...

      Respekt ist es, woran es vor allem den Erdlingen mangelt... Ich nahm Charlie davon aus, als er sich in unserem Gespräch unter vier Augen darum sorgte und versicherte ihm, dass er auch meinen Respekt hat und dass er keine Selbstzweifel haben sollte... Es war eine lange und gute Unterredung, welche wir führten. Nicht nur die Missverständnisse unserer Reise konnten wir klären, Charlie gab mir wie so oft auch eine andere Sichtweise zu bedenken. So betrachtet hat er Recht damit, dass die Reise ein Erfolg war, unser Mut gar von den Göttern belohnt wurde... Außerdem stellten wir fest, dass nicht nur unser Respekt auf Gegenseitigkeit beruht, sondern dass wir beide die gemeinsamen Unternehmungen und Gespräche sehr schätzen. Dies ist schön.

      Ja, ich glaube Reynir hatte Recht damit, als er mich später fragte, ob ich Charlie als Freund betrachte. Und wenn ich über meine Zweifel nachdenke, sowie zurück blicke auf die Zeit, in welcher ich eine Veränderung in der Luft wahrzunehmen glaubte, dann scheint es mir, als sei ich schon viele Schritte in den neuen Abschnitt gegangen... Meine Laune hat sich heute sehr gebessert und ich spüre Zuversicht... Ich freue mich darauf, wenn Charlie zu Besuch kommt und ich mich bezüglich Skrollan mit ihm beratschlagen kann. Über einige andere Dinge sollten wir uns ebenfalls nochmal unterhalten, wie diese geheimnisvolle Prüfung oder über die gflügelten Worte...
    • Begegnungen


      In den letzten Tagen waren wir mehrmals bei Charlie zu Gast und trafen dort nicht nur ihn und die Erdling Frau, sondern auch Deisek und zuletzt den kleinen Mann namens Jake... Es scheint, als habe Samantha sich nun entschieden und sie ging mit Deisek, um von ihm zu lernen. Das ist gut und auch ich habe ihr nach reichlichem Nachdenken über Charlies Worte zugesagt, ihr etwas beizubringen sobald die Zeit günstig ist. Genauso werde ich zu gegebener Zeit Gespräche mit Deisek führen. Charlie meinte, wir würden dabei einige Gemeinsamkeiten finden... Wobei ich nicht Reynirs Worte vergesse, welche mir selbst ja auch durch den Kopf gingen... Nun, wir werden sehen, was sich ergibt... Sheona Skadi sollte man besser nicht unterschätzen...

      Von dem Erdling Sankru erfuhren wir nicht viel Neues, auch er hat keine anderen Menschen gesehen und die sesshaften Nomaden sind wohl genauso wie wir hauptsächlich damit beschäftigt gewesen, ihr Lager aufzubauen... Irgendwann in den nächsten Wochen werde ich mich auf den Weg in die Wüste machen, um mit dem Schmied über den bereits auf Ragnarok beschlossenen Handel zu sprechen. Aber auch dies hat keine Eile...

      Immer häufiger gehen mir Charlies Aussagen über Wege, Pläne und Ziele durch den Kopf, aber diese Gedanken sind schwer zu benennen vor anderen... Sie erzeugen eine Art Unsicherheit in mir und dies ist nicht gut. Aber ich habe schon eine Idee, wie ich vielleicht klarer sehen werde...

      Erwähnenswert ist noch, dass ich Charlies Ratschläge bezüglich Skrollan getreu befolge und so auch ein paar kleine Erkenntnisse gewinnen konnte. Ein wirklich guter Rat war der über das gemeinsame Speisen und ich wende diese Methode seitdem täglich an. Ich bringe das erlegte Tier mit ins Lager und zerteile es vor Skrollans Augen, dann verspeise ich die besonders guten Teile wie das Herz in ihrem Beisein, bevor ich den Rest der Beute zu ihr hinein werfe... Die ersten paar Male knurrte sie verärgert darüber, doch inzwischen beobachtet sie still mein Tun und wartet geduldig, bis sie an der Reihe ist...

      Ja, es geht vorran, auch wenn mir die größte Aufgabe noch bevor steht und ich mir demnächst sehr viel Zeit dafür nehmen muss... Vielleicht gelingt es mir ohne die Peitsche... Wir werden sehen...
    • Der Traum


      Als ich wieder zu mir kam, verriet der Stand der Sonne, dass ich eine lange Zeit in meinem Traum verbracht hatte... Mein Körper fühlte sich kraftlos und ausgezehrt wie nach einer großen Anstrengung. Ich trank viel Wasser gegen dieses ausgedörrte Gefühl in meiner Kehle, musste mich übergeben und warte noch immer darauf, dass die Übelkeit vollständig vergeht... Was bleibt, ist diesen Traum richtig zu deuten...

      Es begann damit, dass die tanzenden Licht- und Schattenpunkte, welche die Fackel in meiner Hütte gegen die Wände wirft, wie Wassertropfen auseinander stoben... Der Raum schien sich zu teilen und mir war, als schwebe ich von meinem Felllager empor und glitt zwischen all den Formen und Farben umher... Ich sah die Schatten dunkler werden, sie wurden zu Felsen und Erdbrocken, welche sich immer weiter voneinander entfernten... Gleich dem fliegenden Land hier, so trieb das, was eigentlich auf den Boden gehört durch die Luft... Dann sah ich auf einer dieser schwebenden Inseln Snotra... Sie klammerte sich mit ihren Krallen an das Gestein und sah zu mir herüber, während sie sich immer weiter und schneller von mir entfernte... Ich suchte ihr zu folgen, doch während alles um mich zu einem entfliehenden Strudel wurde, lag ich selbst unbeweglich und still... Ich öffnete meinen Mund und daraus kam ein Schrei, der sich mit Snotras Antwort mischte, als die fliegenden Erd- und Felsstücke immer kleiner wurden und schließlich in vollständiger Dunkelheit verschwanden...

      Mir war, als tauche ich rückwärts fallend unendlich weit in helles Licht hinein... Ich fiel und fiel und dabei zogen schemenhafte Bilder an mir vorbei, so schnell und nebelhaft, dass nur mein Wissen darum, dass ich diese schon einmal sah, mir ihre Gestalt verrieten... In Zorn verzogene Gesichter, lautlos brüllend, so dass die Linien auf der Haut lebendig wurden... Schwerter und Schilde, sich kreuzende Klingen... Rot sprühender Blutregen, als die Klingen die Arme von ihren Körpern trennten... Pfützen aus Blut, in welche die abgeschlagenen Stümpfe mit den erlöschenden Steinen fielen... Vertraute Gestalten, die wie gefällte Bäume auf den Boden schlugen... Schneller und schneller... Dann krochen Schlangen aus dem Bilderstrudel, welcher sich aufzulösen schien, während sie sich um meine Hände und Füße wanden... Ich wusste, dass ich nicht zu versuchen brauchte, die lebendigen Fesseln abzuschütteln, wusste dass es nicht gelingen würde... Dunkelheit umpfing mich, den bittere Geschmack des Schlangengiftes auf meiner Zunge schmeckend, spürte ich ihre Bisse in meinen Körper... Ich fühlte alles wie aus weiter Ferne, die Finsternis war um mich und in mir, doch ich hielt dem Verlangen, die Augen zu schließen stand...

      Dann veränderte sich das Bild... Ich lag in einem Meer aus Sternen, welche sich langsam um mich herum bewegten... Ich glitt weiter hinab, während ich tote Steine an mir vorüber ziehen sah, welche so weit hinauf stiegen, bis sie nicht mehr von den Sternen zu unterscheiden waren... Ich vernahm das leises Flüstern verschiedener Stimmen, welche sich ebenfalls von mir entfernten... Ich drehte meinen Kopf und um mich war Wald... Und ich stand aufrecht zwischen Farnen und fühlte mit allen Sinnen das üppige, das lebendige Grün... Warmer Atem war in meinem Rücken, anhand des typischen Gurrens erkannte ich, dass es eine Raptorenschnauze war, welche mich vorwärts schob... Meinen Blick auf den moosigen Boden geheftet ging ich los, wie ein Tier witterte ich nach Fährten, suchte nach einer Spur... Meine Schritte beschleunigten sich, doch jeder Abdruck, den ich fand, löste sich vor meinen Augen in Luft auf und ich grub mit meinen Händen in der Erde, grub und grub, bis ich sich windende, schleimige Würmer zwischen meinen Fingern spürte, nach fauliger Verwesung stinkende Maden...

      Gleißende Helligkeit überflutete mich... Heiß und flimmernd war die Luft und als ich wieder klar sehen konnte, fand ich mich am Rande des Blutwaldes, dort wo ich vor Wochen in der neuen Welt erwacht war... Als ich mich im Kreis drehte, sog der Uferschlamm schmatzend an meinen Füßen und als ich nach unten blickte, sah ich abermals Maden, welche unter meinen Schritten in klebrige Masse zerplatzten... Ein sachtes Wispern ertönte zwischen den Zweigen der Bäume, so leise gesprochene Worte, dass ich sie nicht verstehen konnte... Ich ging in Richtung dieser Stimmen, doch es war, als würden sie immer wieder davon getragen und aufsteigender Nebel erschwerte die Sicht... Dann stand ich vor einem Durchgang aus Ästen und Zweigen, einem Tor gleich waren diese miteinander verwoben und ich fühlte mich gezogen zu diesem Durchlass, aber als ich hinein trat, ertönte hinter mir wieder das Flüstern... Ich wandte den Kopf um und hinter mir lag dichter, kalter Nebel, aus welchem Schlangen, Würmer und Maden auf mich zu krochen... Und ich sah, dass meine Schritte blutige Abdrücke hinterlassen hatten...

      Meine Sicht wurde trüb und dann war da ein lauer Luftzug, eine angenehme Wärme, welche mich durch den Durchgang zog... Ich ließ mich gleiten in diesen Hauch, welcher wie eine Umarmung um mich lag, bis ich die andere Seite erreichte... Kräftige Windböen zogen an mir, ich stand am Rande eines Abgrundes, welcher so tief war, dass sein Grund nicht zu sehen war... Hinter mir lag der dunkle Durchgang, in meinen roten Fußabdrücken tummelten sich Maden und ich hörte das Zischen von Schlangen... Ich sah wieder nach vorne, suchte mit meinen Augen die andere Seite des Abgrundes ab und entdeckte einen hellen Schimmer... Ich maß die Entfernung zur anderen Seite, während der heulende Wind mich förmlich nach unten ziehen wollte und alle Geräusche wurden immer lauter, das Zischen von Schlangen, wie auch der Wind, dessen Brausen fast wie ein Lachen klang... Ich wich zurück, bis sich Äste in meinen Rücken bohrten, dann holte ich tief Luft und ranne auf die Kante zu... Erdklumpen lösten sich unter meinen Füßen und fielen in die Tiefe, als ich mich vom Boden abstieß und sprang...

      Ich flog und dann war vor mir eine Hand, welche ich ergriff, damit sich mir über den Abgrund helfen würde, aber diese Hand wurde zu Luft und ich fiel wie ein Stein nach unten... Ich fiel und fiel und fiel und die Felswände rasten an mir vorbei... Irgendwann schlug ich auf, es war als als würde dabei alles Leben aus mir gepresst und eine Woge von Übelkeit kam über mich... Reglos lag ich und starrte hinauf zu den zwei verschiedenen Seiten, bis ich etwas an mir nagen spürte und als ich meinen Blick vom Himmel löste und mich umsah, da lag ich auf einem Haufen verwesender Gebeine, wo sich sämtliches Gewürm tümmelte, von welchen einige damit begannen, sich an meinem Fleisch zu laben... Ich sprang auf, wischte die Tiere von mir hinunter und rief laut, dass ich Sheona Skadi sei, Jägerin und Kriegerin und Letzte ihres Stammes und dass ich noch nicht über die Brücke gegangen sei, sondern lebe... Da krochen die Würmer in alle Richtungen vor mir davon und mein Blick blieb an den toten Augen eines Schädels hängen...

      Der Schädel und alle anderen Knochen zerfielen zu Staub, bis ich alleine in einem kalten Aschehaufen stand... Ich lief durch die Asche, bis diese plötzlich empor gewirbelt wurde und wie ein schwarzer Nebel um mich wogte... Als die Sicht wieder klarer wurde, befand ich mich erneut am Rande des Abgrundes, dort wo das Tor zurück lag, oder aber der Sprung nach vorne... Ich suchte mit meinen Augen die andere Seite des Abgrundes ab und entdeckte einen hellen Schimmer... Ich maß die Entfernung zur anderen Seite, während der heulende Wind mich förmlich nach unten ziehen wollte und alle Geräusche wurden immer lauter, das Zischen von Schlangen, wie auch der Wind, dessen Brausen fast wie ein Lachen klang... Ich wich zurück, bis sich Äste in meinen Rücken bohrten, dann holte ich tief Luft und ranne auf die Kante zu... Erdklumpen lösten sich unter meinen Füßen und fielen in die Tiefe, als ich mich vom Boden abstieß und sprang...

      Ich flog und dann war vor mir eine Hand, welche ich von mir weg stieß, aber ich fiel trotzdem nach unten und alle Bilder wiederholten sich, bis ich erneut an diesem Abgrund stand... Ich drehte mich um, aber das Tor aus Ästen und Zweigen war verschlossen... Also breitete ich meine Arme aus, bewegte sie wie Flügel und rannte auf den Abgrund zu und sprang... Es war, als trügen mich unsichtbare Flügel und ich flog wie ein Vogel auf diesen hellen Schimmer zu... Hinter mir ertönte lautes Kreischen und Schreien, aber ich sah nicht zurück... Dann verschwomm alles um mich zu tanzenden Lichtpunkten, grellen Farben und seltsame Formen... Dieser Strudel umwogte mich, bis er schwächer wurde und langsam verschwand... Dann erwachte ich schwitzend, mit ausgedörrter Kehle und aufsteigender Übelkeit und fand mich wieder in auf meinem Lager aus Fellen in meiner Hütte liegend...
    • Alltag und anderes


      So etwas wie Alltag ist es wohl, was inzwischen bei uns Einzug hielt... Ich verbringe viel Zeit mit Skrollan, bereite mich auf den Kampf und das Training mit ihr vor und arbeite nebenher an den einzelnen Teilen zur Herstellung eines Sattels. Ich gerbe Leder, weiches und hartes, schnitze Spangen und Nadeln aus Knochen, flechte dünne Schnüre aus Pflanzenfasern und bringe verschiedene Stücke aus Pilzholz in Form... Reynir hingegen ist sehr beschäftigt mit den Raptoren, vor allem was den Handel mit Deisek betrifft. Außerdem versucht er sich an der Zubereitung eines besonderen Getränks, welches er immer wieder übermäßig lobt... In der Gesamtheit betrachtet könnte man sagen, dass wir uns gut eingelebt haben in der neuen Welt. Zwar müssen wir sie noch immer besser kennen lernen, um uns hier so wie auf Ragnarok bewegen zu können, aber dies wird mit der Zeit von alleine geschehen...

      Es gefällt mir, dass es ebenfalls zu unserem Alltag gehört, dass Charlie uns oft besucht. Ich genieße die langen Gespräche mit ihm, diesen Austausch an Gedanken und Wissen und auch das Gefühl, einen guten Freund zu haben... Er bestärkt mich in meinem Vorhaben, nun da die neue Welt auch ein neuer Abschnitt in meinem Leben ist, Schritte auf einem ebenso neuen Weg zu gehen. Der Traum, den ich hatte, bekräftigt es auch... Ein Verharren, ein alleiniges Abwarten auf das Betreten des alten Pfades, wäre wie das Warten auf die Maden der Vergangenheit... Ich vergesse nichts und werde tun, was ich tun muss, falls die Schatten mich einholen. Doch bis dahin möchte ich nicht länger nur in diese eine Richtung blicken! Zu viele Jahre schon schürte ich nichts als die Glut des Hasses und des Zorns in mir, jagte nach Geistern und erst seit kurzem befällt mich der Gedanke, dass ihr Griff mich nicht verließ, nachdem mir die Flucht gelungen war... Ja, mein Geist war auf eine Art noch immer gefesselt, nicht frei... Meine Ahnen mögen mir vergeben, aber ich sehne mich nach einem Leben, nach dem Ende des Verborgenseins und auf der Lauer liegen, nach guten Gedanken und Gefühlen... Wenigstens bis zu dem einen Tag, wenn mein Schicksal sich erfüllen wird...

      Reynir sagte, ich solle auf mein Herz hören... Ein wahrlich seltsamer Rat und es bereitet mir Sorgen, dass er immer öfters über die Dinge spricht, welche er verloren hat. Mir scheint, die Lebenskraft, welche er zu Beginn in der neuen Welt gewonnen hatte, lässt wieder etwas nach und im Klang seiner Stimme wohnt Wehmut... Es ist wohl gut, dass er so viel zu tun hat, denn ich weiß dass Untätigkeit eine offene Tür für schwere Gedanken ist... Jedenfalls behagt es mir nicht, dass er diese Idee verfolgt, bei welcher er sein Leben aufs Spiel setzt... Aber es ist seine Entscheidung. Wenn er meint, dass der Gewinn den Preis übersteigt, welchen er vielleicht dafür bezahlen wird, dann ist es so... Jeder von uns muss tun, was er tun muss. Reynir, Charlie und ich selbst.

      Ich werde wohl bald ein klärendes Gespräch mit Deisek führen müssen. Seine beiden Besuche fielen sehr unterschiedlich aus und vor allem der letzte hinterließ viele ungesagte Worte... Mir scheint, ich habe ihn gekränkt, was nicht in meiner Absicht lag. Und doch musste ich dies tun, mit meinen eigenen Worten seinen Redefluss stoppen... Zeigte er sich bei den ersten Treffen noch sehr höflich und zurückhaltend, so ließ er diesmal seine Worte wie Pfeile in einem Kampf los, viel zu viele und viel zu schnell... Jeder einzelne Satz hätte einen ganzen Abend für sich alleine mit einer Unterredung füllen können, stattdessen warf er all diese Themen aufs Mal in den Raum, zeigte sich im Bezug auf eines davon sehr angespannt, wütend gar und bemerkte dabei nicht, dass er auf gewisse Art seiner eigenen Einleitung widersprach. Denn, um seine eigenen Worte zu wählen, ich will mich ebenfalls nicht ausnutzen lassen. Deshalb ist es wichtig, sich besser kennen zu lernen... Ein freundschaftlicher Kontakt scheint mir erstrebenswert und wenn diese Freundschaft gefestigt ist, kann man weiter sehen... Die Warheit ist doch, wir kennen uns kaum und da er laut seiner eigenen Aussage ebenfalls in einem sehr zurück gezogen lebenden Stamm aufwuchs, sollte sein Denken ähnlich sein...

      Angenehm überrascht sah ich, dass Samanthas Verhalten sich verändert hat. Sie scheint damit begonnen zu haben, zu lernen und sich anzupassen. Das ist gut. Ob ich vielleicht auch mit ihr irgendwann eine längere Unterhaltung führen werde? Es scheint zwar, sie habe mit Charlie gebrochen, als er ihren Vorstellungen nicht entsprach, aber dies sollte kein Hindernis sein. Immerhin taten all die Missverständnisse auch der Freundschaft zwischen ihm und mir keinen Abbruch... Laut Charlie müsste ich, sollte ich jemals auf die Erde gelangen, mich auch sehr schnell anpassen. Dort ist wohl alles anders als bei uns, seine Geschichten darüber erscheinen mir oft geradezu unglaubhaft, wie wenn er zum Beispiel über rießige Metallvögel spricht, mit welchen ein ganzer Stamm durch die Luft fliegen kann... Schlussendlich aber sind dies zwar interessante Geschichten, doch wichtig ist das Hier und Jetzt in dieser Welt...

      Ja, nicht hinter uns liegt das Leben, sondern dort wo wir unseren Blick hinwenden...
    • Ein langer Weg


      Charlie sagte, der schwerste Teil der Aufgabe sei geschafft... Möge es so sein, wie er sagt! Das alles hat mehr Zeit gebraucht, als ich mir vorgestellt hatte... Viele Tage lang konzentrierte ich mich nur auf Skrollan. Dank Reynir konnte ich mir diese Zeit auch nehmen. Er übernahm es, auch für uns beide auf die Jagd zu gehen und ließ uns die Ruhe, die wir brauchten... Seit unserem Kampf speise ich nicht nur mit ihr gemeinsam, sondern übernachte auch hin und wieder bei ihr im Stall, vor allem aber übe ich mit ihr die gesprochenen oder auch gezeigten Befehle... Sie versteht ihren Namen, scheint nun aufmerksamer meinen Worten zu lauschen und macht keinerlei Anstalten mehr, mich anzugreifen. Auch den Sattel habe ich inzwischen fertig gestellt und damit begonnen, Skrollan an ihn zu gewöhnen... Dieser Pfad geht damit weiter, dass ich sie auch an unsere anderen Mitbewohner gewöhnen muss und ihr klar mache, dass sie sich nach mir richten muss, wenn es darum geht, wer angegriffen wird und wer nicht... Mögen die Götter mir beistehen und mich dieses Ziel erreichen lassen...

      Der Kampf war wahrlich nicht leicht... Skrollan besitzt so viel Ausdauer und auch eine gewisse Hinterhältigkeit ist ihr zu eigen. Von meinem Schild und der extra dafür angefertigten Rüstung ist nicht viel mehr übrig als ein paar lose Fetzen und trotz der doppelten Vorkehrungen haben ihre Krallen Spuren hinterlassen... Nichts ernstes zum Glück, dies haben die nach Charlies Anleitung angebrachten Holzplatten verhindert. Ja, seine Ratschläge waren sehr wertvoll und ich fertige ihm gerne das an, was er als Gegenleistung eingefordert hat... Vielleicht werde ich die erste gemeinsame Jagd mit Skrollan dazu nutzen, nach besonders gutem Fell Ausschau zu halten... Dann wird sie nicht nur sehen, wie ich ein Tier erlege, sonder auch lernen, dass ich nicht jedes komplett zerreiße, sondern mir auch an der Unversehrtheit des Leders gelegen ist... Ich bin gespannt auf diese gemeinsame Jagd, wie sie sich verhalten wird, wenn wir nebeneinander durch den Wald laufen, was sie tun wird, wenn wir Beute erspähen und vor allem: was tut sie, wenn ich angegriffen werde?

      Nun, heute nahm ich mir also etwas Zeit um Charlie zu besuchen. Es war gut, ihn zu sehen und mit ihm zu sprechen. Auch er schien erfreut und lauschte interessiert meiner Erzählung über alles was sich ereignet hat, seidem wir uns das letzte Mal sprachen... Hin und wieder hatte ich den Eindruck, er sei von Unruhe erfüllt, vielleicht weil seine Prüfung bald beginnt. Nicht rastlos, so wie früher, aber vielleicht getrieben von den Gedanken, zu tun was er tun muss... Außerdem hat er sich selbst noch mehr Aufgaben auferlegt, er zeigte mir die Käfige mit den verletzten Tieren, welche er gesund pflegt. Ich verstehe nicht den Sinn dahinter, denn wenn er sie später wieder frei lässt, kann es doch gut möglich sein, dass sie Vivine als Nahrung dienen. Man könnte sie also direkt töten, vor allem die besonders bunte Haut würde sich sehr ansehnlich als Einlegearbeit für Kleidung machen... Charlie schien von meiner Ansicht betroffen, das verstehe ich nicht...

      Ich werde wohl Reynir fragen, warum die Erdlinge sich hier, wie in vielen anderen Dingen auch, so seltsam verhalten... Trotz unserer verschiedenen Ansichten verlief mein Gespräch mit Charlie angenehm und das Geschenk, welches er mir machte, ehrt mich sehr. Es ist das erste Mal, dass mir jemand solch eine Gabe macht... Solch ein wertvolles Amulett... Ich werde es in Ehren halten und mit Achtung tragen!
    • Viele Gesichter


      Ich verstehe die Wut und den Zorn, diesen Durst, der einen treibt... Gut, so gut kenne ich dies... Aber wenn es beginnt, einen blind zu machen, dann bemerkt man nicht die Risse des Pfades, bis sie zu Fallgruben werden und man ins Leere tritt... Deisek spricht mit dem Zorn, welcher ihm zusteht und doch übersieht er dabei zu viel. Dann wieder wandelt sich sein Gesicht, in wenigen Augenblicken nur wechselt seine Stimmung und dies in einer solchen Gegensätzlichkeit, dass mich ein warnendes Gefühl überkommt... Erst die Drohung, dann eine Geste der Zuneigung... Und mir kommen wieder seine eigenen Worte in den Sinn, nämlich dass er sich nicht ausnutzen lassen will. Wie eine Mahnung klingen diese in mir nach... Wenn er denkt, ich würde mich wie die Beute einer Spinne von Worten und Gesten einwickeln lassen, als ob diese die Fäden wären, so täuscht er sich!

      Der diesen Erkenntnissen zu Grunde liegende Besuch Deiseks hinterließ vieles, worüber gründlich nachzudenken ist. Allein das Ansinnen, welches hinter seinem Erscheinen steckt, nämlich die Überprüfung, ob wir unserem Teil des Handels auch wirklich nachkommen. Also hegt er Zweifel daran, obwohl seine Zunge sprach, dass er wüsste, dass eine Skadi immer ihr Wort hält... Vieles wohnt in meinen Gedanken, aber es ist zu früh, um sie frei zu lassen... Außerdem gibt es noch andere Dinge, welche mir durch den Kopf gehen. Weshalb zum Beispiel sprach auch aus Charlies Worten Zorn, als ich ihm von Deiseks Abschied berichtete? Er hielt mir vor, dass ich die Bedeutung nicht verstehen würde, aber ich denke inzwischen, dass diese verschieden sein kann... Später suchte ich daraufhin Rat bei Reynir, aber zu diesem Thema sagte er nur, ich solle mit Charlie sprechen...

      Nun, jedenfalls war auch das letzte Gespräch mit Charlie wechselhaft. Mir scheint, ich verstehe zu vieles nicht und es betrübt mich, wenn er deshalb in Wut gerät... So wie in dieser Welt jeder Tag Sonne, Nebel und Regen bringt, war auch unsere Unterredung schwankend. Wir sprachen unter anderem über die Fortschritte mit Skrollan und

      Aus Reynirs Worten über meine letzte Frage lässt sich schließen, dass das Schicksal etwas anderes mit mir vor hat... Selbst wenn er versuchte mich aufzumuntern, sehe ich doch die Wahrheit... Ich kann nichts tun, als dies zu akzeptieren. Warum aber betrübt es mich?

      Dies hier hat keinen Nutzen, ich werde nun mit Skrollan jagen gehen!
    • Wie ein leichtes Flügelschlagen...


      Seltsam, dass solch ein schöner Abend gleichzeitig so betrübend sein kann, wie wenn auf jedem Lächeln ein Schatten liegt... Ich sorge mich, auch wenn ich keine Zweifel an Charlies Können habe. Er wird wissen, was er tut und sich doch keiner Aufgabe stellen, von welcher er nicht an ein Gelingen glaubt? Trotzdem kam in letzter Zeit oft zur Sprache, dass er diese Prüfung vielleicht nicht überleben wird und er gab mir sogar Anweisungen für den Fall, dass das Schlimmste eintreten wird... Daran will ich nicht denken, aber es sitzt trotzdem wie ein kalter Hauch in meinem Nacken... Es klang nach einem schlechten Vorzeichen, als Charlie sagte, er wolle noch einen fröhlichen Abend genießen... Angedeutet, kaum ausgesprochen, aber doch in der Luft liegend das Wissen darum, dass es vielleicht das letzte Mal war... Und so fiel es mir schwer, froh gestimmt zu sein, obwohl es ein wirklich schönes Beisammensein war...

      Er bewirtete uns mit Speis und Trank, es wurden Geschichten erzählt und als der Vogel zu singen begann, erhob auch Reynir seine Stimme in alten Liedern und Charlie bat mich um einen Tanz... Obwohl ich mit solchen Dingen nicht vertraut bin, war dieser Tanz von einer solchen Leichtigkeit erfüllt... Wie wenn Blätter auf einem Wasserlauf dahin treiben, wogen wir in den Lichtschatten des Feuers auf diesem Strom von Gesang... Es war schön. Diese Nacht erschien mir sehr kurz und als die Sonne aufging, war es als würde das Licht einen Zauber vertreiben und nur noch eben dieses Wissen beleuchten, dass es vielleicht die einzige Zusammenkunft dieser Art bleiben wird... Es fiel mir dann schwer, Abschied zu nehmen, Worte zu finden... Mögen die Götter wohlwollend auf Charlies Können und seinen Mut blicken und die Kraft der Federklaue glückbringend mit ihm sein! Möge es nicht der letzte Abschied gewesen sein...

      Nun denke ich oft daran, wie es Charlie wohl gerade ergeht, während ich daran arbeite, Skrollan an die anderen Bewohner unseres Lagers zu gewöhnen und ihr die Befehle beizubringen. Und auch als ich den einfachen Unterstand für die eben erst geschlüpften Raptoren baute, wanderten meine Gedanken immer wieder zu ihm... Im Angesicht der beiden kleinen Wesen dachte ich zurück an den Tag, an welchem Charlie das Schicksal betrog und Lumi aus dem Abgrund rettete... Lumi... Um ihren Verbleib wissen nur die Götter... Hier aber sehe ich diese beiden neuen Lebewesen, neugierige und mutige Raptoren Kinder, Ebenbilder ihrer Eltern und schon jetzt ist ihre spätere Stärke zu erkennen. Deisek kann wahrlich zufrieden sein mit diesem Handel, auch wenn es mir schien, er sei mit seinen Gedanken woanders an dem Tag, als sie das Licht der Welt erblickten... Zwar lobte er ihre Stattlichkeit, fand einige gute Worte, aber irgendetwas beschattete sein Denken...

      Ja, noch immer werde ich nicht schlau aus Deisek. Ich verstehe den Pfad nicht, welchen er geht... Die Bedeutungen seiner Worte und seiner Gesten lassen sich nicht einordnen und immer wieder erkenne ich Widerspruch... Die Geschenke, welche er mir mitbrachte sind überaus wertvoll, wunderbar gearbeitet und es ehrt mich, sie zu tragen. Und doch ist es auf eine Art zu viel... Er sagte, sie seien der Dank für meine Gastfreundschaft, aber Gastlichkeit oder Freundschaft brauchen weder Bezahlung noch ein Bündnis... Ich sagte dies offen und wollte die kostbaren Gaben nicht annehmen, aber er bestand darauf... An diesem Tag gestand er auch ein, dass oft Wut aus ihm spricht. Vielleicht weil seine Wunden noch frischer sind als meine... Ich dachte, dieses Gespräch sei wie eine Gabelung gewesen, bei welcher der Weg zu einem besseren Verständnis und Kennenlernen eingeschlagen würde... Aber schon am nächsten Tag zeigte er wieder ein anderes Gesicht...

      Dies wiederum war der Tag, an welchem der Vogelreiter unser Lager erst umkreiste, später dann landete und sich als der Mann namens Theon entpuppte, welchem wir vor vielen Sonnen einmal in der Wüste begegnet waren... Seltsamerweise schien er sehr erstaunt darüber, dass wir hier und nicht wie von ihm angenommen in der Nähe der Erdling Sankru leben und sprach auch davon, dass das damalige Treffen zu kurz gewesen sei, um sich ein richtiges Bild von uns zu machen. Damit hat er zweifelsohne Recht und da er sich sehr höflich und freundlich zeigte, scheint es mir eine gute Sache zu sein, wenn wir uns in Zukunft wieder treffen und besser kennen lernen... Theon erzählte, dass er Ausschau nach neu hier eingetroffenen Menschen halte, um diesen zu helfen - ein ehrvolles Vorhaben. Und es war interessant zu hören, dass er aus einer Welt stammt, die genau wie Ragnarok untergegangen ist und welche wohl auch sonst einige Ähnlichkeiten vorzuweisen hat. Wie Reynir immer sagt: es ist gut neue Kontakte zu knüpfen. Deisek aber, welcher ebenfalls anwesend war, sprach sehr herausfordernd zu dem neuen Gast...

      Jetzt, nachdem ein paar Tage verstrichen sind, denke ich dass Deisek mir die Geschenke übergab um meine Gesinnung ihm gegenüber zu beeinflussen. So oft spricht er mit schmeichelhaften Worten über meinen Stamm, nimmt meinen Namen für Vergleiche gar... Reynir meinte, Deisek würde mich mögen und warnt mich doch gleichzeitig vor ihm... Diese Ungeduld, welche in ihm wohnt, passt nicht zu dem Bild eines Jägers und ich bin mir unschlüssig, ob ich dies alles offen vor ihm ansprechen soll oder nicht... Nun da die Raptoren geschlüpft sind, wird er öfters zu Besuch kommen. Zwar wird Reynir sie trainieren, aber Deisek ist es, welchen sie als ihren Anführer sehen sollen... Vielleicht findet sich dann auch die Zeit, um die im Dunkeln liegenden Dinge zu erhellen und einen Pfad für Vertrauen und Freundschaft zu finden...

      Seltsam ist wahrlich vieles und neu für mich noch dazu. Aber so wie dieser Abend des Abschieds von Charlie, der Weg eines anderen Lebens wie das der letzten Jahre, diese schönen Momente, das ist gut. Da sind Erkenntnisse, welche ich gewinne, auch über mich selbst und ich kann nichts schlechtes darin erkennen... Vielmehr habe ich das Gefühl, ich verlasse das Tal des Durstes, lasse die Zeit von Blut und Schwert hinter mir, oder gehe zumindest nicht mehr nur auf diesem einen Pfad der Geister und Schlangen... Es ist nicht leicht, aber es fühlt sich gut an.
    • Hell und dunkel


      Wie soll ich in Worte fassen Nein, wie kann ich in Worte fassen, was in mir liegt? Heute ist es, als stürmen unzählige Gefühle und Gedanken einem Schneegestöber gleich in mir und um mich herum... Vieles ist passiert in den letzten Tagen, ohne Pause, wie bei einem Schwertkampf kam alles Schlag auf Schlag... Die Götter lieben das Chaos, genauso wie sie anerkennend auf jene blicken, welche sich mutig zeigen... Und ich fühle mich wie von Wellen umbrandet, muss über vieles nachdenken und kann doch diese Gedanken kaum greifen. Sie zerrinnen mir zwischen den Fingern, ziehen hinfort wie Dunst in der Dämmerung, führen enden alle dort in einem Nachhall... Aber es ist nicht nur eine Erinnerung! Es ist jetzt und wahr und beständig...

      Da war der Moment, als ich das Tor öffnete und Charlie blutüberströmt, sich kaum noch auf Vivine halten könnend vor mir sah... Keine Worte über den Verlauf seiner Prüfung, während ich tat was ich konnte, damit das Leben in ihm blieb... Unter Anstrengung, mühsam nur konnte er uns ein paar Anweisungen geben... Nie habe ich schneller den Weg zu Charlies Behausung zurück gelegt, um das Benötigte her zu holen... All das Blut... Es war als könne man dabei zusehen, wie das Leben aus ihm wich... Ich säuberte diese grässlich anzusehenden Wunden, nähte die Haut an jeder Stelle mit drei bis sieben Stichen wieder zusammen und konnte nicht mehr tun, als darauf zu hoffen, dass es genug war... Ich sah den Schmerz in seinem trüben Blick, aber er hielt ihn aus und kämpfte gegen den Sog des sich in den Schmerz fallen lassens, welcher doch so gefährlich ist... Wir setzten viel darauf, dass der Heiltrank ihn auch von innen stärken würde und gaben ihm erst später etwas Betäubungsmittel. Dies war eine lange Nacht, in welcher ich bei ihm saß um jene zu verscheuchen, welche ihn mit auf die andere Seite der Brücke nehmen wollten... Welch eine Erleichterung, als sein Zustand sich langsam besserte...

      Nun da ich weiß, worin Charlies Prüfung bestand und auch obwohl er mir noch nicht alles verriet, scheint er wirklich großes Glück gehabt zu haben. Aber nicht nur Glück, nein, auch seine spezielle Fähigkeit, sein Können in diesem Gebiet wurde erneut aufgezeigt... Und er hat großen Mut bewiesen. Diese Tapferkeit wurde zweifelsohne von den Göttern dadurch belohnt, dass sein Vorhaben gelang! Er nannte es "dem Tod in die Augen sehen" und stellte mir genau dies ebenfalls in Aussicht. Seltsam, wie Pfade, Taten und Gedanken sich manchmal kreuzen, denn wenn ich die Augen schließe und mich erinnere, sehe ich wieder mich selbst... Ein Kind, welches dem Tod in die Augen blickt... Auch wenn es nicht das selbe war... Der Griff des Gott des Todes... Damals flehte ich irgendwann stumm darum, dass er mich mit sich nehmen würde, aber jetzt... Jetzt bin ich froh, dass er an mir vorüber ging... Und auch, dass er Charlie nicht mit sich nahm.

      Dies also war schon viel, was mich beschäftigte und doch war es nur ein kleiner Teil dessen, was über mich kam... Zwei Tage danach stand Deisek vor unserem Tor. Ich dachte es wäre richtig, wenn ich ihm seine großzügigen Geschenke mit einer Gegengabe danke und zeigte ihm einen der Sättel, an welchen ich momentan für die beiden Kleinen arbeite. Schritte auf dem Weg zu Freundschaft und Vertrauen... Was später aber geschah, war wie Halt verlieren auf einem steilen Pfad, ich fühlte mich überrumpelt von seinen Worten, sprachlos gar... Er redete, wie es seine Art ist, so direkt und fast schon in Hast, ließ mir keine Zeit, Worte zu finden, bevor er verschwand... Brachte ich noch mehr hervor, als dass wir uns doch kaum kennen? Er sagte, er wolle eine Familie mit mir gründen... Aber ist es nicht so, dass sein Interesse weniger mir, sondern meinem Namen und meinem Blute gilt? Ja, es ist wie Charlie sagte: Deisek sieht nicht mich, Sheona, sondern eine Kriegerin der Skadi. Dabei bin ich nur ein einzelnes Blatt an einem Baum, für sich alleine und erst zusammen mit den anderen ein ganzer Stamm...

      Es war dann schwer für mich, mich auf die Gespräche mit den anderen Gästen zu konzentrieren. Deisek hatte Jake und Ammaniez von den Erdling Sankru hier her geführt, wobei sie beide wohl gerade eigene Wege gehen... Ich weiß kaum noch, was gesprochen wurde... Mehrfach geriet Charlie zudem über Reynirs Worte in Zorn und es wird gut sein, wenn sie sich darüber aussprechen. Alles war sehr verwirrend... Wenn ich jetzt darüber nachdenke, war es aber alleine Deiseks Tun, welches dazu führte, dass Charlie und ich später diese gemeinsame Erkenntnis fanden und dem Bewusstsein einen Namen gaben, welches bis dahin verborgen, leise schlummernd in uns lag... Kaum begreiflich und schwer zu erklären...
      Überraschend, unbekannt, neu... Gut.
    • Insel des Glücks


      Noch immer ist es nur schwer zu begreifen... Ich fühle mich überschwemmt, von innen heraus überflutet... Manchmal so stark, dass es fast schmerzt an dieser einen Stelle, welche vorher so leer war... Die Versuche, dies oder auch mich selbst zu erklären, verdursten daran, dass es keine passenden Worte gibt... Niemals zuvor habe ich so etwas gefühlt... Dies muss es sein, was Reynir meinte als er damals sagte, auch ich würde irgendwann Glück finden, etwas Schönes in meinem Leben erfahren... Nie habe ich mir das so vorgestellt, immer war da nur die Erinnerung an die Demütigungen und den Schmerz, was so weit entfernt ist von dem Gefühl, welches jetzt ist, dass wohl viele Welten dazwischen passen... Ich spüre dies voll Ehrfurcht, es überwältigt mich auf eine Art, lässt mich mich selbst schwach fühlen... Aber ich will nicht, dass es aufhört. Ich will mich darin ergeben, auf dass es ewig währt...

      Ja, in dieser Welt hier liegt ein Neuanfang! All die Wut und der Hass, welche auf Ragnarok mein einziges Feuer waren, lasse ich hinter mir zurück und begehe neue Pfade... Dies erinnert mich an das Gespräch mit Deisek, in welchem er davon sprach, zwischen zwei Pfaden zu stehen. An diesem Tag sagte ich ihm offen, dass ich seinen Wunsch nicht erfüllen kann und betonte mehrfach, dass es nicht meine Absicht sei, ihn zu kränken... Es schien ihn nicht zu überraschen, er zeigte sich ungewöhnlich ruhig und stimmte mir darin zu, dass eine Freundschaft weiterhin anzustreben sei. Die Unterredung verlief sehr gut, aber in einem kurzen Moment kam es mir so vor, als sei seine Ruhe nur Schein. Er sagte nämlich, dass ich das Glück sei, welches er davon laufen sehe und dass er es am liebsten jagen würde... Ich antwortete, dass er nicht vergessen dürfe, dass der Jäger manchmal selbst zum Gejagten wird. Daraufhin beendete er das Thema mit einem wissenden Lachen...

      Ich glaube, bei unserer nächsten Unterhaltung werde ich Deisek noch einmal deutlich machen, was ich zu manchen seiner Worte denke. Ich weiß, dass seine Wunden frischer sind als meine und kann ihn gut verstehen. Aber wenn er davon spricht, dass es genau dieses ähnliche Schicksal es ist, welches uns verbindet, drängt sich mir ein weiterer Gedanke auf. In meinen Augen lässt sich nämlich kein innerer Friede finden, wenn man sich nur mit Menschen umgibt, welche das gleiche Leid und den selben Zorn teilen. Nein, stattdessen wird man weiter von Innen verzehrt... Dieser innere Frieden kam nicht nur hier zur Sprache. Auch Reynir sagte neulich, dass er sich danach sehnt... Charlie formulierte es sehr passend, als er dazu meinte, Reynir würde gegen seine Erinnerungen kämpfen. Ein Kampf gegen Geister... Es tut mir leid, wenn ich Reynir so trübsinnig sehe und ich wünschte, ich könnte etwas dagegen tun...

      Als diese rießige Eule auf Reynir Hütte landete, da befürchtete ich schon, es wäre ein schlechtes Zeichen und irgendetwas sei mit ihm... Zum Glück aber schlief Reynir nur und ich suche seitdem das Zeichen um dieses Ereignis zu ergründen. Denn dass es sich hierbei um ein Zeichen handelt, lasse ich mir von den anderen nicht ausreden! Es wäre töricht, nicht auf solche Omen zu achten... Zum einen zeigte sich die Eule in einem Gebiet, in welchem diese Tiere sonst nie zu sehen sind, zum anderen schien sie förmlich nach Aufmerksamkeit zu suchen. Sie griff uns nicht an, zog lediglich eine klare Grenze durch ihren eisigen Atem, wenn wir zu nahe kamen und mir kam es vor, als würde sie jeden von uns genau betrachten... Schlussendlich erhob sie sich wieder in die Lüfte und flog in Richtung der Wüste davon. Ob dies bedeutet, dass wir dorthin gehen sollen? Oder wird etwas von dort kommen? Ich werde jedenfalls nach weiterer solcher Zeichen Ausschau halten.

      Ein paar Tage später, nachdem unsere Gäste wieder abgereist und Ruhe im Lager eingekehrt war, beschloss ich, Charlie auf eine Reise einzuladen. Es freute mich, dass er sofort zusagte und auch, dass er das Ziel nicht wissen, sondern sich überraschen lassen wollte. Zuvor aber zeigte er Reynir und mir eine Stelle, die er entdeckt hatte und welche vieles von dem als nichtig erklärt, was wir über diese neue Welt zu wissen geglaubt hatten... In nicht all zu ferner Zeit sollten wir dies genauer erkunden. Nun aber sitze ich hier, wo ich das Floß anlandete, nachdem ich mit Charlie den Weg zurück gefahren war, welchen ich damals alleine mit meinem Einbaum in die andere Richtung befuhr, kurz bevor wir beide uns hier in der neuen Welt das erste Mal wieder sahen... Wir passierten auf dieser Fahrt nicht nur die besagte Sandbank, sondern auch das tote Land und schließlich die Flussmündung, in welcher ich nach meinem Erwachen so viele Tage gelebt hatte. Ich zeigte ihm diese Stelle meines Erwachens und auch die Felsen, wo ich mir den Unterschlupf gebaut hatte. Es scheint so lange her zu sein...

      Ich zeigte Charlie all diese Orte, welche ich damals alleine erkundete und er staunte genau wie ich über diese Unwirklichkeit. Dann schlugen wir unser Lager hier auf, saßen viele Stunden am Ufer, in denen wir manchmal sprachen und uns manchmal auch in der Stille treiben ließen, welche nicht unangenehm, sondern sehr wohltuend war... Es ist schön, dass wir auch ohne viele Worte so viel teilen... Diese Insel ist eine Insel des Glücks und nicht nur die Umgebung scheint mir verzaubert, sondern auch das, was in uns liegt... Es ist schön.
    • Neubeginn


      Die letzten gestellten Fragen sind wahrlich nicht einfach zu beantworten... Der Anfang es Neubeginns schlich sich wie ein lautloser Jäger in mein Leben und über vieles dachte ich noch gar nicht richtig nach. Von Reynir erfahre ich Zustimmung, aber ich frage mich, was meine Ahnen dazu gesagt hätten... Merkwürdig ist, dass für mich so manches in den Hintergrund tritt, was vorher fest wie ein Felsen an erster Stelle stand... Jedoch, es fühlt sich alles richtig an und deshalb lasse ich mich weiter von diesem neuen Pfad tragen. Und ich werde gefasst sein auf die zu erwartende Missgunst oder gar Spott... Mir scheint, nie war etwas wichtiger, besser, schöner, größer, wertvoller und erfüllender als diese Momente des Glücks...

      Selbst wenn es Augenblicke von Missverständnis und geteilter Meinungen gibt, so wie bei der letzten Reise, gehen wir insgesamt betrachtet doch den richtigen Weg... Es wird wohl immer eine Herausforderung sein, all die unterschiedlichen Ansichten, Traditionen, Religionen gar miteinander zu verbinden. Aber es wird funktionieren, dessen bin ich mir sicher! Außerdem sagte Charlie doch, dass er die Herausforderung mag... Ich bin sehr froh, dass er noch einmal zurück kam, nachdem er voller Wut nach dieser missglückten Reise fort gegangen war. So führte unsere Unterhaltung später eben zu diesen Fragen über das, was vor uns liegt und noch später, als die gesprochenen Sätze zu einzeln dahin tropfenden Worten wurden, bis sie schließlich ganz versiegten, da war alles andere nicht mehr so wichtig...

      Nun könnte ich davon berichten, welch große Fortschritte Skrollans Erziehung macht... Oder davon, welche interessanten Worte und Waren Deisek bei seinem letzten Besuch mitbrachte... Oder davon, dass Wit mich unterwegs mehrfach abwarf und ich mich dann zu Fuß dem Krokodil zur Wehr setzen musste, was davon zeugt, dass es nicht immer klappt, weiter zu kommen... Oder davon, wie seltsam es ist, dass mir überhaupt nicht mehr der Sinn danach steht, diese Vögel zu verspeisen... Aber meine Gedanken wandern immer wieder zu den selben Stellen zurück. Zu der Wärme, zu diesem Gefühl von Sicherheit, dieser Freude... So ist es nun...
    • Zwischen zwei Pfaden


      Oft saß ich in den letzten Tagen, die Feder in der Hand, gewillt all die Dinge zu beschreiben, welche sich zutragen, innen und außen... Doch es ist nicht leicht, sie zu greifen, festzuhalten gar... Und so wie ich hier im schwachen Schein der Flammen sitze, die Ruhe unterbrochen nur vom Knistern des Feuers und dem gelegentlichen Gurren aus Snotras Ecke, welche nun von zwei anderen Wesen in Besitz genommen wurde, da passiert es immer wieder, dass meine Gedanken sich auf Wanderung begeben... Ich verbleibe in den Erinnerungen, in denen die neu sind und erspüre dieses Gefühl... Dann bemerke ich, dass Mond und Sterne bereits über den Himmel zogen und reiße mich los, um meinen Aufgaben nachzugehen und mein Buch bleibt wieder aufgeschlagen, die Farbe getrocknet an der nicht benutzten Feder zurück...

      Ja, viele Tage sind vergangen. Gute, glückliche Tage. Neubeginn, eine Zeit des Aufbruchs und der Veränderung, eines neuen Weges und des Blicks in die Zukunft... Und dann... Dann plötzlich wird uns wieder vor Augen geführt, wie sehr die Götter das Chaos lieben... Jedes Licht zieht einen Schatten, und was erst gut schien verfinstert sich. Deisek, der so nachdrücklich betonte, dass er sich nicht benutzen lassen wolle, tut genau das selbst wovor er uns bedrohte! Mir scheint, er steht nicht länger zwischen zwei Pfaden, sondern geht diesen einen, welcher ihn ins Verderben führt... Er sieht nicht, dass es seine eigene Angst ist, die das Tor öffnet, durch welches das Unheil eintritt. Sieht nicht, dass es genau seine Wut und sein Misstrauen sind, welche ihn zu Einsamkeit verdammen... Oder ist dies alles wohlberechnet?

      An diesem Abend war ich voller Wut, kurz davor mein Gesicht zu bemalen und ein schnelles Ende zu setzen... Die Erdling Sanar sprach davon, dass die Sankru und Charlie hier die Hauptbetroffenen seien, sie wusste und weiß nicht, dass es meine Familie ebenso, wenn nicht gar direkter betrifft! Wäre Deiseks Plan aufgegangen, so hätte dies einen Krieg ausgelöst und damit viele Leben ausgelöscht... Mein Zorn war unermesslich und ist es immer noch. Es gibt nur einen sicheren Weg... Wie schwer es war, diesen Zorn zu verbergen... Das Feuer der Wut in mir zu kontrollieren... Charlie überraschte mich damit, dass meine Lösung auch die seine war und er schaffte es, meine Gedanken später an diesem Abend noch in eine andere Richtung zu lenken. Vielleicht ist er es, der mich milder macht? Ich ertappe mich immer öfters dabei, dass ich Dinge überdenke, welche ich früher ohne großes Überlegen einfach getan hätte...

      Macht dies, dass ich mich nun auch fast wie zwischen zwei Pfaden fühle? Soll ich meinen Instinkt verlassen, dem Weg der Sanar folgen? Charlie schien empört, als ich diese Überlegung anfing zu äußern... Wir wandeln uns wohl beide. Aber muss es nicht so sein, damit die Verbindung trotz all der Unterschiede funktioniert? Ein aufeinander Zugehen... Ein Loslassen der Vergangenheit, um die Hände frei zu haben für die Zukunft? So wie ich mich mit geschlossenen Augen fallen lasse... Und bisher war mein Vertrauen nicht falsch. Nichts von dem, was ich befürchtete trat ein. Stattdessen merke ich mit Erstaunen, dass ich nichts mehr ersehne, als diesen Weg weiter zu gehen, immer, für immer...
    • Lauter als jedes Brüllen


      Als ich den Segen der Göttin erbat, wuchs in mir die Frage, ob meine Ahnen ihre Augen ebenfalls auf uns richten und was sie dazu sagen würden. Welche Worte würden meine Eltern, deren Gesichter immer im Schatten liegen, wählen? Ich will gerne glauben, dass sie sich für mich freuen würden, genauso wie ich immer hoffe, ihre Herzen mit Stolz zu erfüllen. Und am Ende der Gedanken wartet die Frage, ob die Äußerungen anderer im Angesicht einer solcher Macht überhaupt gewichtig sind... Nichts ist vergleichbar, nichts ist wichtiger und nichts richtiger!

      Dieser Tag, der in seiner Gewalt und Zerstörung über uns kam, uns schrecklich klein und verwundbar erscheinen ließ, als dieser außergewöhnlich kräftige Rex durch die Stachelbarrikaden brach... Wie eine zornige Bestie wütete er in Charlies Lager, hinterließ fast alles in Trümmern und tötete jedes Leben, welches er fand und war dabei nicht auf Nahrungssuche, sondern ließ die Toten einfach liegen... Ich sah in seine flammenden Augen, hörte sein Brüllen, welches sich mit Skrollans Jaulen vermischte, ehe diese einen so plötzlichen Satz tat, dass es mich fast aus dem Sattel geschleudert hätte und dann flogen wir durch die Luft, bis wir auf dem Wasser aufschlugen, welches sich um uns teilte und dann wieder über uns schloss... Skrollan hatte erkannt, dass sie gegen diesen Gegner nicht ankommen konnte und floh. Charlie meinte später, dies sei das beste gewesen, aber in diesem Moment, da wollte ich nichts anderes, als ihm zur Seite stehen...

      Und wie ich dann versuchte, mich wieder mit Charlie zusammen zu tun, ihn mit Vivine förmlich über den Strand fliegen sah, da waren nicht nur zahlreiche Giftbringer und dieser Allosaurus zwischen uns, nein, direkt vor mir schritt auch noch ein zweiter Rex genau auf dem Pfad, welchen ich nehmen wollte in den Wald hinein... Ungewöhnlich, mehr als ungewöhnlich zeigten sich diese beiden Zähne des Gott des Todes! Ich war sehr froh, als wir endlich wieder zusammen gefunden hatten, froh dass Charlie nichts passiert war. Er war sehr aufgebracht, wütend und ich verstehe dies... Er erzählte, dass er unzählige Giftpfeile in die Bestie geschossen hatte, ohne dass diese sich dadurch in irgendeiner Weise beeindruckt oder beeinträchtigt gezeigt hätte... Ist es ein Zeichen gewesen? Erst der große Pflanzenfresser, dann einige Tage später nun dies... Bisher haben wir beide keine Erklärung gefunden, aber wohl die Erkenntnis gewonnen, dass unsere Bauten nicht genügen, nicht standhalten gegen solch mächtige Gegner...

      Es dauerte lange, bis Charlie ruhiger wurde, eine Zeit in welcher ich mir wünschte, ich wüsste wie ich in seine Gedanken dringen und ihm besser beistehen könnte... Wie anders war dieser Tag verlaufen, als ich es mir bei meiner Reise zu Charlie ausgemalt hatte... Ich dachte an unseren Ausflug zwei Tage zuvor, die Ruhe, das Glück und die Zuversicht, welche in den Umständen gelegen hatten. Wie gut es mit Skrollan funktioniert hatte, wie viele glückbringende Begegnungen wir unterwegs hatten und vor allem wie schön unser Aufenthalt am Ort des Kristall Wassers gewesen war... Ja, dort verblassten alle anderen Gedanken nach und nach. Ich vergaß darüber nachzudenken, welche Entscheidungen bezüglich Deisek in meiner Abwesenheit getroffen worden waren, vergaß auch die Erzählungen der Sanar über ihre Entdeckungen in der neuen Welt, genauso wie die vielen Überlegungen über vielleicht eintreffende Dinge in der Zukunft...

      War dieser unheilschwere Tag als er Abend wurde nun noch immer der Tag, für den ich ihn am Morgen gehalten hatte? Endlich die Worte über meine Lippen kommen zu lassen, welche schon seit ein paar Sonnen hervor dringen wollen... Dann schien es mir, als wäre es vielleicht genau jetzt gut. Nur die Götter wissen, wie eine solche Begegnung, wie wir sie in Charlies Lager hatten, beim nächsten Mal ausgeht... Der Wunsch in mir war so laut, lauter als jedes Brüllen, lauter als mein Herzschlag und von einer Bestimmtheit, dass alles andere daran brach... Die Gewissheit, dass hier eine ganz eigene Macht wohnt, von welcher ich mich leiten lasse, sowie das Wissen darum, dass wir etwas errichten, was kein Zahn und keine Klaue je zerstören kann, ist unermesslich erfüllend und lebendig...
    • Vieles ist neu, manches davon in alten Zeichen...


      Unsere Gäste sind wieder fort. Deisek schien wie so oft ungeduldig und wollte nicht warten, bis Vater erwachte. So kam es, dass er ohne Sari und Kiarr abreiste, obwohl Reynir später meinte, er hätte sie ihm heute mitgegeben... Nach einer letzten Kontrolle des Sattels für das Krokodil von Ammaniez, an welchem ich mit ihr zusammen die letzten Tage gearbeitet hatte, sah ich ihnen nach, wie sie hügelabwärts davon gingen. Mich nach dem Schließen des Tores zu Charlie umwendend, fiel mir auf, dass ich auf eine Art erleichtert darüber war, dass wir nun nach vielen Tagen endlich wieder unter uns, alleine im Kreise der Familie sind. Nun muss nicht mehr jedes Wort gewogen werden, bevor man es spricht und wir haben mehr Zeit für die vielen Dinge, um welche wir uns kümmern müssen...

      Schade nur, dass es nicht so klappte, wie wir es uns erdachten, als ich Ammaniez vorgeschlagen hatte, mir mit dem Sattel zu helfen. Charlie hatte gesagt, so könnten wir uns besser kennen lernen, aber die Erdlingfrau blieb meist still und wir sprachen über kaum etwas anderes als die Arbeit... Ich verstehe wohl ihre Trauer, jedoch geht ihr Leben in dieser Welt weiter, während die Toten auf der anderen Seite auf uns warten. Es ist wie ich schon zu Deisek neulich sagte, dass zum einen unsere Ahnen für immer auf uns warten, wir uns dehalb nicht eilen müssen und wir sie zum anderen nicht ehren, wenn wir uns gehen lassen... Ja, es ist schade. Ich kann mich kaum noch daran erinnern, wie es ist eine andere Frau als vertraute Person um mich zu haben. Fünfzehn Sechzehn Jahre... Oder noch mehr?

      Jedenfalls haben wir viele Pläne... Charlie hat schon damit begonnen, einen Teil seiner Sachen aus seinem zerstörten Lager hier her zu holen, während ich mir Gedanken darum gemacht habe, wie wir das Gebäude für ihn aufbauen werden. Ich freue mich sehr auf die Zeit, welche vor uns liegt und es fühlt sich kaum ungewohnt, sondern viel mehr richtig und gut an! Auch haben wir weiter daran gearbeitet, Vivine und Skrollan aneinander zu gewöhnen und es war sehr interessant dabei zuzusehen, wie die beiden sich erst misstrauisch, dann zunehmend neugierig, sogar dreist gegeneinander verhielten... Ich hatte ein gutes Gefühl und auch allgemein scheinen unsere Vorhaben zu glücken. Das ist gut.

      Das einzige, wozu mir kein Weg vollkommen klar und richtig erscheint, ist das Vorhaben, wegen welchem Charlie mich um Rat bat... So sehr ich auch darüber nachdenke, fällt mir keine Lösung ein. Vielleicht ist es wie er sagte und ich werde mehr verstehen und erkennen, wenn ich es mit eigenen Augen gesehen habe... Und auch bezüglich dem Text in der alten Schrift ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Manchmal muss man etwas warten, um weiter zu kommen... Und ganz egal, wie und was alles kommen wird... Ich stehe zu meiner Familie und tue alles, was nötig ist, um sie zu schützen. Das Schicksal meint es wahrlich gut mit mir seit diesem Neubeginn in der neuen Welt. Dafür danke ich den Göttern.
    • Neu

      Wie magisches Flüstern


      Zurück zu Hause ist nun die Zeit, um über das Gesehene und Erlebte nachzudenken. Unwirklich erscheinen die Bilder dieser Erinnerung und es liegt so etwas wie ein Zauber über den letzten Tagen... Ich fühle mich noch immer geehrt, dies mit eigenen Augen gesehen zu haben, auserwählt worden zu sein... Ehrfurcht war es, welche mich ergriff und noch immer fesselt. Keine Angst, nein, sondern Ehrfurcht, Erstaunen, Respekt und Stolz. Stolz darüber, an Charlies Seite zu stehen, welcher weit mehr als ein Tierflüsterer ist...

      Der lange Weg dort hin erschien mir nichtig im Angesicht dessen, was mich am Ende erwartete. Der Ritt in die Dämmerung hinein und der Fußmarsch durch die Dunkelheit, auf welchem ich mich von Charlie leiten ließ... Dort wo er bei mir wohnt, ist er gebettet in meinem Vertrauen. Wie einfach so vieles erstaunlich und unerklärbar war und bleibt und sich noch mehrt... Und die Magie wollte nicht enden in dieser Nacht...

      Fast wie in einem Traum war der Aufenthalt dort, wie ein Rausch ohne Trank... Aus dem wir uns schließlich los rissen, um den Aufgaben und Pflichten nachzukommen, welche andernorts auf uns warten. Der Rückweg führte uns in den Sonnenaufgang hinein und mit dem heller werdenden Licht zog sich dieser zaubergleiche Hauch zurück, auch wenn er nicht ganz verschwand, sondern sich in meinem Inneren noch immer beschwören lässt...

      In diesem Erwachen zeigte sich das, was wirklicher erscheint in Form vieler verschiedener gefährlicher Tiere, welche unseren Weg kreuzten, so dass wir Vivine und Skrollan anspornten und einige Umwege machen mussten. Wir besuchten dann noch Jake, welcher derzeit ein kleines Lager in der Weite aufgeschlagen hat und es ist gut, mit dem Erdling Sankru nun endlich auch ein paar Worte mehr gewechselt zu haben...

      Ja, mein unser Neubeginn setzt sich aus so vielen Dingen zusammen, welche sich miteinander verknoten und ich sehe wie aus neuen Augen, bin ich selbst in einem neuen Ich, oder eher in dem, was schlief und erwachte, was einst getötet und nun von Charlie wiederbelebt wurde...
    • Neu

      In Zerstörung liegt ein Anfang


      Wie wir nun die Trümmer fort räumten, welche der Zahn des Gott des Todes in seiner Zerstörungswut in Charlies alten Lager hinterlassen hatten, die noch brauchbaren Dinge aus den Überresten zogen und auf das Floß luden, um sie später nach Hause zu bringen, da musste ich daran denken, wie oft schon ein Ende zu neuem Anfang geführt hatte. Wie oft schon Verwüstung einen neu entstehenden Pfad kennzeichnete... Die Zusammenkunft, aus welcher Ragnarok geformt wurde... Das Massaker, bei welchem mein Stamm in einer einzigen Nacht ausgelöscht wurde und meinem eigenen Leben eine neue Richtung gab... Das große Feuer von Innen, Cleanout genannt, das die Menschheit neu sortierte... Das Weltenende, als Ragnaroks Untergang zu einem Neubeginn in dieser Welt hier führte... Worte, welche an Ungesagtem rüttelten und damit einen neuen Weg aufzeigten... Und nun Charlies zerschlagenes Lager, welches uns noch schneller auf dem eingeschlagenen Weg laufen lässt...

      Es war schön zu hören, dass Charlie unseren Weg als so gut betrachtet, dass er kaum noch einen Gedanken an diesen unheilschweren Tag des Angriffs durch den Rex mit sich trägt und seine Wut sich gelegt hat. Auch die Überlegungen, welche er sich über unser Zusammenleben machte, waren für mich eine erfreuliche Überraschung... Und doch waren da auch dunkle Wolken, als ich versuchte mit Reynir zu sprechen und nun sorge ich mich. Es war, als sprächen wir verschiedene Sprachen, seine Wortkargheit erweckte Wut und sein scheinbares Desinteresse schnitt schmerzhaft in mir... Später gingen wir zwar wieder aufeinander zu und Reynir gab an, dass eben alles sehr neu für ihn sei, aber die Frage nach seinem Wohlbefinden beschäftigt mich doch noch immer sehr. Ich werde nun also versuchen, noch mehr auf ihn Acht zu geben und Charlie wird mir dabei beistehen.

      Solche Tage sind seltsam, wo Sonne und Wolken sich jagen, man in einem Moment voller Glück und im nächsten voll Zorn ist. Wechselhaft wie das Wetter in der neuen Welt... Ich bin froh, dass dieser Tag schlussendlich gut war, als er sich seinem Ende zuneigte. Nicht nur für Reynir, sondern für uns alle ist dieser Weg, dieser Anfang neu, aber ich teile dazu Charlies Meinung, dass wir diese Herausforderung meistern werden. In dieser Verbindung liegt so viel Kraft gebündelt, dass wir alles schaffen werden, was wir erreichen wollen. Ein alter Zustand verändert sich, wird zu einem Anfang, besser als alles zuvor und das ist gut.