Von Sheona

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    • Die Luft riecht nach Veränderung


      Als Reynir fragte, was mit mir los sei, konnte ich ihm keine Antwort geben, denn ich weiß es selbst kaum. Seit unserem Umzug fühle ich mich rastlos, getrieben von einer inneren Unruhe... Ich suche und sehne mich nach... Ja, nach was eigentlich? Viel Zeit ist vergangen, seit wir das letzte Mal andere Menschen trafen und ich verstehe nicht, warum er nun den Kontakt herausfordert, obwohl er gleichzeitig ständig betont, dass wir uns weiter verborgen halten müssen! Vielleicht liegt es daran, dass er alt wird? Er benimmt sich immer mehr wie ein Großvater, erzählt viele Dinge mehrfach und vergisst dafür so manches...

      Ich gab es nicht zu, aber im Grunde wäre auch ich neugierig auf andere Menschen. Wir streiften umher, offener als sonst, sichtbar statt unsichtbar... In der näheren Umgebung war nichts, was auf menschliches Leben hindeutet, stattdessen viele Raubtiere, dazu noch diese sonderbaren Rüstungswesen und jede Menge Insekten, welche Snotra ganz verrückt werden lassen. Erst am Rand des toten Landes stießen wir auf eine kleine Hütte, welche kaum mehr als ein Außenposten oder eine Notunterkunft sein kann. Dem Zustand nach steht sie noch nicht all zu lange dort, aber es fanden sich keine nennenswerten Spuren dort... Dann eine weitere Holzhütte am Rand einer Klippe, ebenfalls in gutem Zustand, jedoch ohne Schutzmaßnahmen und irgendetwas muss in ihr gewesen sein, denn Snotra sträubte ihr Fell. Reynir rief allerdings ohne Erfolg nach einem Bewohner.

      Dann durchritten wir das grüne Land und dort fanden sich weitaus mehr Behausungen, welche allesamt stark befestigt waren und nur wenige Schwachstellen aufwiesen. Zwei davon waren von einer Größe, welche gut einen kleineren Stamm beherbergen könnte und wir fragten uns, ob es Leute der Vereinten Stämme sind, die dort hausen. Oder kleinere, eigenständige Gruppen - so wie damals? Eine geradezu träge Stille hing über dieser Region, kaum Tiere und erst recht keine Menschen waren zu sehen... Nachdem wir uns gründlich umgesehen hatten, machten wir wieder kehrt. Ich fühle etwas wie Enttäuschung, aber was hatte ich erwartet?

      Seine Worte wohl waren es, die etwas in mir weckten... Die Erinnerungen an ein Leben unter Menschen, Stimmen welche die ewige Stille durchbrechen... Auch wenn Reynir an manchen Tagen viel spricht, so ist dieser Klang doch so selbstverständlich in meiner Umgebung wie das Rauschen der Blätter im Wind... "Es wird Zeit" sagte er und vielleicht denkt er dabei an die Zeit, wenn er nicht mehr ist? Immerhin klagt er darüber, dass ihm die Kälte in die Knochen kriecht und dass ich besser sehe als er und noch mehr solcherart von Reden...

      Diese Insel ist schon immer im Wandel und genauso wie sie die alten Bauten verschlingt, scheint sie nach wie vor auch die Menschen zu verschlingen...
    • Leeres Land


      Inzwischen haben wir unsere Suche ausgeweitet und weitere Behausungen entdeckt. Doch weder bei dieser Festung, welche einem großen Anführer gehören muss, noch bei dem halb zerfallenen Gebäude am Strand waren Menschen zu finden... In meiner Erinnerung sehe ich so viele Gesichter vorüber ziehen... Kann es wahr sein, dass nichts geblieben ist?

      Diese innere Unruhe macht mich gereizt und wütend. Überdeutlich scheinen mir alle Unterschiede zwischen Reynirs und meinen Ansichten, er spricht von Blut und in mir schreit eine Stimme "Ja, du bist nicht von meinem Blute und ich nicht von deinem!" und ich habe es satt, dass er mich noch immer als ein Kind betrachtet, obwohl ich schon so lange kein Kind mehr bin! Meine Kindheit wurde beendet an diesem einen Tag vor langer Zeit... Das weiß er ganz genau! Und selbst wenn es anders gewesen wäre, so lassen sich die vielen Jahre nicht leugnen, in denen ich erwachsen wurde!

      Nun, wenn er dann abends im Schein des Feuers sitzt, gebäugt und sich nachdenkend mit der Hand durch seinen grauen Bart fährt, dann verraucht mein Zorn. Dank ihm bin ich am Leben, die Letzte meiner Ahnenreihe... Also werde ich milde, nur damit es am nächsten Tag irgendwann wieder anfängt zu brodeln...

      Ich bin nicht den Weg gegangen, der mir vorherbestimmt war. Auch das macht mich wütend.

      Und manchmal, wenn ich in die Stille lausche, dann fühle ich mich genauso leer wie das Land...
    • Schlangenjäger


      Reynir schäft, die weite Reise hat ihn sichtlich angestrengt. Ich hingegen bin hellwach. Ich wollte weiter, weiter die Insel durchstreifen... Auch konnte ich mich nur schwer von den Kämpfen im toten Land losreißen, der Triumph über die Schlangen, Würmer und Insekten schmeckte so gut und es war, als ob die Lava auch durch mein Blut lief. Und genau wie Lava alles verschlingt, wollte auch ich mehr... Da war die leise Stimme des Jägers in mir, welche gegen das Rauschen meines Blutes sprach, sich mahnend erhob: Ein guter Jäger nimmt nur so viel, wie er wirklich benötigt. Also riss ich mich los...

      Vorangegangen war dem ein langer Ritt durch die Nacht, die Küste entlang bis zum grünen Land, wo wir bei der großen Festung entgegen unserer Vermutungen diesmal auf Menschen trafen. Vier Erdlinge. Zwei weitere sollen in dieser Palisadensiedlung leben. Nur eine Hand voll Leute in diesem gemäßigten Gebiet, noch dazu alles Erdlinge? Keine von ihnen wirkte wie ein großer Anführer, keiner wie ein Krieger... Der, der am ehesten so aussah, als könne er kämpfen, versteckte sich vor uns. Und alle muteten sie wie Zwerge an in diesen hohen Gemäuern...

      Man bedachte uns mit Misstrauen, was nicht verkehrt ist, zumal sie von Angriffen der Gesichtslosen sprachen. Auch ich fühlte mich unwohl dabei, ohne Snotra durch dieses große Tor zu schreiten... Wie es sich gehört überließ ich Reynir das Reden, auch wenn ich mehrmals mit den Zähnen knierschen musste, um ihm nicht ins Wort zu fallen. Keine Uneinigkeit vor Fremden! Also schluckte ich meine Widerrede, auch wenn sich damit meine Ansicht und meine Wahrheit begrub... Wieder mal klaffen tiefe Schluchten zwischen Reynirs und meiner Sicht. Es wird niemals anders sein, zu verschieden ist unsere Herkunft, unser Glauben, unser Blut...


      Seit dem Moment, in dem ich damals mit Reynir ging, in all den Jahren ist es nicht einfacher geworden. Eher wird es immer schwerer, den Drang in mir zu fesseln... Hunderte Male wälze ich diese Gedanken... Aber nun gut, zurück zu diesem Tag. Die Eindrücke in der Festung der Disantis waren seltsam, fremd und vieles nur schwer oder gar nicht zu verstehen. Diese Menschen scheinen in großer Furcht zu leben und es erstaunte mich sehr, zu erfahren, dass die Sankru nun sesshaft sind und ihre Reihen mit Erdlingen auffüllen. Die Kämpfe sollen vorbei sein, gleichzeitig erzählte man von Angriffen durch die Gesichtslosen und dass diese eben für immer geächtet seien. Mir lag auf der Zunge zu erwidern, dass sich in der Vergangenheit keiner der großen Stämme zu schade dafür war, diese Mörder für ihre Zwecke zu kaufen, aber ich sagte nichts dazu. Wichtig ist, dass ich nun weiß, dass sie noch immer ihr Unwesen treiben.

      Und ich sehne den Tag herbei, da sie alle in meine Klinge laufen!

      Nun, wir erfuhren von einem Waffenschmied bei den Sankru und die Frau aus der Festung wollte uns zu diesem hinführen. Es ging in die Wüste (wie könnte es auch anders sein?), wo sich die Luft wie ein schwerer Teppich heiß und flimmernd über alles legt. Aber wir kamen nicht bis zu der Festung der Sankru, denn mitten auf der Reise hielt die Frau, als wir auf einen kleinen Mann mit vielen Tieren stießen, welcher wohl auf die Rückkehr seiner Leute aus einem Höhlenlabyrinth wartete, an und entschied sich dazu, ebenfalls dort zu verweilen, anstatt uns weiter den Weg zu weisen. Ich war genauso ratlos über dieses Verhalten wie Reynir, uns in der Wüste einfach stehen zu lassen, nur dass ich es nicht geschafft hätte, mich so freundlich wie er es tat zu verabschieden. Deshalb sagte ich lieber nichts...

      Dieser kleine Mann... Er trat sehr feindselig auf... Narren wenn sie denken, Gefahr sei so unbeirrbar zu erkennen! Alles in allem waren die Begegnungen heute sehr enttäuschend. Ich kam mir fremd vor, obwohl sie doch die Fremden sind! Wieder frage ich mich, was genau ich erwartet hatte... Mir ist bewusst, dass zu viele sterben mussten und doch... Wo sind die Stämme, die Anführer, großen Krieger, Jäger, Schmiede, Sammler, Heilkundigen, Priester? Wo ist die Reihe, in welche ich mich stellen kann, um zu kämpfen? Mir scheint, mein Weg bleibt weiterhin einsam und ich werde alleine gegen die Schlangen ziehen, sobald Reynir mich ziehen lässt... Ich bin mir nicht sicher, ob er meinen Durst versteht...
    • Täuschungen der Wüste


      Mein Zorn ist groß. Reynir brachte mir einst bei, meine Gefühle zu verbergen, doch beherrsche ich diese Kunst nicht so gut wie er. Es war schwer, meine Zunge im Zaum zu halten dort in der Festung der Sankru... Und auf dem Heimweg ließ ich all das Ungesagte über Reynir branden, bis er mir nicht mehr antwortete, sondern Brun anspornte und mit zu großem Abstand vor mir her ritt. Er verstand mich nicht, wird es nie... Wohl tat er später einen Schritt auf mich zu, doch dies hat seinen Ursprung sicherlich nur darin, dass ich für ihn eben immer dieses kleine, halb tote Mädchen bleibe, welches ich damals war... Erst vor ein paar Tagen fragte ich ihn, ob es nicht so ist, dass er mich einst rettete, um seine eigene Schuld zu tilgen. Da gab er vor, nicht zu verstehen, was ich meine...

      Wieder waren wir am Abend los geritten, in die Nacht hinein, wo sich alles in Schwarz vermischt... Durch das tote Land, ja bis hinauf zum Gipfel des Vulkans ging unser Weg, wo einzelne Stellen hervor tretender Lava einen rot- goldenen Schimmer ins Dunkle brachten. Gerade genug, um die Bewegungen der Schlangen und Insekten wahrzunehmen und ich versenkte meinen Speer in ihre Körper, so wie Snotra ihre Zähne darin vergrub... Weiter durch das grüne Land, wo alles schlief, dann hinunter an die Küste und dem Wasser folgend bis zu den ersten Dünen... Es war gut, dass wir noch vor Sonnenaufgang dort angelangten. Lange bevor sich die Hitze über uns legen würde, waren wir schon weit in dieses Ödland vorgedrungen. Mit der vagen Beschreibung des Standortes der Festung fanden wir sie tatsächlich, die Lichter dort waren deutlich und einladend in der Dunkelheit zu sehen. Als wir die letzten Meter zurück legten, zeigte sich ein erster schwacher Schimmer am Horizont...

      In meiner Kindheit habe ich viele Geschichten über die Sankru gehört... Mir scheint, es muss ihnen sehr schlecht ergangen sein, wenn das was wir nun sahen das ist, was sie jetzt sind... Erdlinge, keine Hiergeborenen. Noch dazu wenig höflich und noch weniger respektvoll uns gegenüber! Reynir zuliebe und weil ich diesen Schmied treffen muss, blieb ich da, obwohl schon die ersten Worte dieser angehenden Heilerin beleidigend waren. Diese Leute wissen nicht, wem sie gegenüber stehen! Ich bin mir sicher: würde jemand so mit einem wahren Sankru sprechen, so wären es seine letzten Worte gewesen... Wäre da nicht die Notwendigkeit dieses Kontaktes, hätte ich noch vor dem Tor wieder kehrt gemacht! So wahr ich Sheona Skadi heiße, dies ist kein angemessenes Verhalten mir gegenüber!

      Reynir legte sich den Umhang eines alten Mannes um und siehe da, davor zeigten sie etwas Achtung immerhin. Schließlich wurden wir hinein gebeten, wenn auch ohne Brun und Gra, verköstigt und weiteren Fragen ausgesetzt. Der Schmied schlief wohl und ich dachte daran, dass man ihn in früheren Zeiten geweckt hätte, wenn ein Krieger kommt um zu handeln... Die Disantis waren anwesend und ich sah die Blicke zwischen der Frau und diesem Ray, welcher mich mit gänzlich anderem Ausdruck betrachtete. Wieder überließ ich Reynir das Reden und dies war in vielerlei Hinsicht ein Fehler. Was ist nur in ihn gefahren, mich vor diesen Fremden als kleines, unwissendes Kind darzustellen?! Dann fing er auch noch an darüber zu reden, dass er einen Gefährten für mich suchen würde! Ich spürte das Rauschen in mir, kurz davor hervorzubrechen...

      Meine Wut steigert sich noch, wenn ich nur daran denke! Ich gehe jagen. Irgendwo muss diese Wut hin...
    • Einsame Erinnerungen


      Langsam senkt sich Stille über diesen lebhaften Ort. Ich höre das Rauschen des Windes, ein leises Wispern nur und dazwischen Snotras Schnaufen, deren Pfote im Traum zuckt... Es ist noch hell, aber alle scheinen sich zur Ruhe begeben zu haben. Reynir schläft ohnehin seit langer Zeit schon in dem Zelt, welches er sich aufgestellt hat. Ich würde gerne baden, um den Schweiß und den Sand von mir zu waschen, aber das Tor ist verschlossen.
      Also warte ich...

      Die Eindrücke hier bei den Erdling Sankru sind seltsam, fremd und laut. Ich gebe zu, auch faszinierend. Viele Stimmen füllten die Festung, es wurde geredet und gelacht. Ich war Zuschauer, nicht nur bei den Übungskämpfen, sondern auch Beobachter des Lebens dieser Menschen hier. Dem Leben in einem Stamm, einer Familie... Ich fühle meine Sinne überreizt von so viel menschlichem Dasein. Reynir und ich leben leise, ohne Lachen und an manchen Tagen komplett stumm... Es bedarf keiner Worte, wenn wir Pfeile schnitzen, oder er in seinen Tränken rührt und ich die Felle verarbeite... Ich habe es lange nicht erkannt, aber heute denke ich, dass das, was wie eine kalte Schlinge in mir zieht, die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten ist...

      Schmerzhafte Erinnerung an meine Kindheit, meinen Stamm, meine Familie... An das Leben in einer Gemeinschaft... Zutage gefördert durch das Beobachten dieses Stammes hier. Wärme ist zwischen diesen Menschen, Vertraut- und Verbundenheit. Eigenartig, dass es mich nach all den Jahren noch immer berührt... Und dann kommt die Wut, Wut auf die, die mir das alles nahmen! Ich will, dass sie fühlen, was ich fühlen musste! Aber nur für einen Moment... Einen Moment, in denen jeder von ihnen sich seiner Einsamkeit bewusst wird und danach werden sie jeden Schmerz hundertfach spüren, durch den ich gegangen bin! Bis sie um Gnade flehen und winseln und darüber hinaus! Dann erst werde ich sie dem Gott des Todes übergeben...

      Bald schon, bald werde ich ein neues Schwert haben. Die Klinge, die er Schmied mir zur Ansicht gab, lag gut in der Hand. Das Sonnenlicht spiegelte sich in ihr und ich stelle mir vor, wie das Blut meiner Feinde von ihr tropft... Der Boden wird sich in einen roten Fluss verwandeln, wenn es soweit ist... Ja, wir wurden uns einig mit dem Schmied und ich werde in den nächsten Tagen eine Erzader suchen und die Spitzhacke schwingen müssen. Wahrscheinlich wird es auch nötig sein, mehrmals in die Wüste zu reisen, denn ich kann Snotra so viel Gewicht über lange Strecke nicht zumuten. Nicht nur Reynir wird langsam alt, auch an Snotra sehe ich die Jahre ziehen... Noch hat sie genug Kraft und Ausdauer, aber sie ruht öfters, ist nicht mehr so schnell wie früher... Zweifelsohne wird der Tag kommen, an dem ich sie nicht mehr mit zur Jagd nehmen kann... Meine treue Snotra... Unersetzbar...

      Gra... Gra hat es erwischt vor ein paar Tagen, beim Durchqueren des toten Landes... Ich sehe, dass Brun ihn vermisst, immerzu sieht er sich suchend nach dem Kleinen um... Reynir hingegen zeigt sich verschlossen über dieses Ereignis und spricht nicht mehr darüber. Mir ist nicht ganz klar, wie es möglich ist, dass eine Mantis Gra so übel zurichten konnte, dass er aus zahlreichen Wunden blutend schließlich am Strand verschied... Er hatte nie Probleme mit den Insekten, aber dieses eine muss besonders mächtig gewesen sein, denn an einer Stelle war Gra`s Leib bis auf die Gedärme aufgerissen. Solch eine Verletzung hätte ich eher einem großen Raubtier zugeschrieben... Rätselhaft... Aber so ist es nun. Gra ist von uns gegangen, ehrenhaft im Kampf gefallen.

      Das war an dem Tag, als wir den Erdling Charlie wieder trafen... Er ritt mit uns durch das tote Land, nachdem wir ein längeres Gespräch geführt hatten. Viel ist mir von den Worten nicht mehr in Erinnerung, meine Laune war nicht die beste, nachdem Reynir schon wieder das leidliche Thema "Gefährte" aufgeführt hatte... Ich verstehe nicht, warum er ständig darauf zurück kommt. Warum sollte ich mein Blut vererben? Ich bin die letzte Skadi, es gibt nichts mehr, was erhalten werden muss... Mein ist nur der Zorn und der Durst nach Rache, danach wird nichts mehr sein... Davon einmal abgesehen, werde ich mich nie mehr von einem Mann so demütigen lassen! Und auch wenn mein erwachsener Körper den Schmerz vielleicht nicht mehr so spürt, so wünsche ich doch keine Wiederholung dieser Qual!

      Aber genug davon. Ich sollte wohl auch etwas schlafen...
    • Worte... So viele Worte


      Wieder einmal sitze ich, an Snotra gelehnt in einer fremden Umgebung. Innerhalb der Mauern wohl nur, weil der Herr der Festung nicht da war um etwas dagegen zu sagen. Wenn ich in die Dunkelheit lausche, höre ich das Schnaufen der Pferde in den Ställen, hin und wieder ein leises Knurren aus der selben Richtung und näher das Geräusch der Raptoren, die sich selbst im Traum noch zu unterhalten scheinen... Wenn die Wolken aufreißen, der feine Nieselregen sich wie jetzt verzieht, dann liegt der Sternenhimmel wie eine funkelnde Decke über allem. Nah, so nah scheint das Gestirn... Mein Kopf ist voll von Worten, die ich suche zu verstehen und die mich daran hindern, Schlaf zu finden. Wann habe ich zuletzt so lange mit jemandem gesprochen, außer mit Reynir?

      Der Erdling Charlie, dessen Füße auf vielen Wegen gehen, sprach von wahrlich seltsamenen Dingen. Dabei ging der Inhalt der Gespräche in so viele Richtungen, wie auch er sich in diese und jene Richtung dreht. Ist der Zustand dieser Erde der Grund dafür, dass ihre Bewohner von allem ein bisschen, aber nichts aus vollem Herzen tun? Und auch wenn er es verneinte, sich zu fürchten, schien ihn das Weltenende doch so sehr zu beschäftigen, dass da doch ein eisiger Griff sein muss... Über solcherlei Dinge denke ich nur selten nach, denn es hat wenig Sinn, das Unabänderliche in Gedanken zu wälzen. Wenn dieser Tag kommt, gedenke ich im Kampf zu fallen, dann werde ich die Brücke überqueren, welche mich zu denen führt, die mir vorangegangen sind. Und in diesem Gedanken liegt keine Furcht, sondern eine leise Freude. Denn dort erwartet mich meine Familie, mein Stamm...

      Dies und noch viel mehr besprach ich mit dem Erdling Charlie, während ich ihm zeigte, wie er das Leder gerben muss und wir zusammen einen Stattel für Kauni bauten. Er stellte sich recht geschickt an und hat auch einen wachen Verstand. Reynir sah uns eine Weile dabei zu, legte sich dann aber in einen Strohhaufen um zu schlafen. Vielleicht sind wir in der letzten Zeit zu viel umhergereist. Schon neulich, auf dem Rückweg aus der Wüste hatte ich das Gefühl, dass der weite Weg und wohl auch die Hitze dieser Region ihm zu schaffen machte... Das Erwachen in der Festung der Erdling Sankru war merkwürdig gewesen. Ich hatte nur wenig geschlafen auf dem harten Erdboden, alles war staubig, ja sogar zwischen den Zähnen knirschte der Sand und die schwere Luft lag drückend auf mir. Wir warteten dann eine ganze Weile, aber es zeigte sich keiner der Bewohner und keiner reagierte auf unser Klopfen, so dass wir den Ort schließlich ohne eine Verabschiedung wieder verließen...

      Seitdem habe ich schon einiges an Metall für den Schmied zusammengetragen, eigentlich könnte ich einen Teil davon bald hinbringen. Auch waren wir nochmals in den grünen Landen, um die Bewohner der Palisadensiedlung nach einem Handel zu fragen. Allerdings trafen wir sie bisher nicht an und über den Erdling Charlie als Mittler erfuhren wir jetzt, dass man wohl auch nicht mit uns handeln wird, bevor man uns nicht besser kenne und vertraue. Wir ritten also viel hin und her in den letzten Tagen und wenn wir nicht unterwegs waren, saß ich trotzdem nicht lange still. Ich weiß nicht, ob Reynir es bemerkt wenn ich nachts aufstehe und los gehe um nach Spuren zu suchen. Falls ja, verliert er zumindest kein Wort darüber. Ohnehin finde ich bisher nur kalte Fährten und während dem Gespräch heute fragte ich mich, ob es vielleicht wirklich so ist, dass ich Geistern nachjage...

      Mir vorzustellen, wie sie alle von innen nach außen verbrannten, vor Schmerz kreischend sich wanden, hinterlässt ein gutes Gefühl. Und doch ist es nicht das selbe, wie wenn ich sie selbst richte... Wenn sie wirklich alle längst tot sind, dann hat das Schicksal mich betrogen! Wozu bin ich alleine übrig geblieben, wenn der Pfad der Rache unbegehbar ist?! Der Erdling Charlie sagte dazu, dass ich als letzte meines Stammes so etwas wie eine Bewahrerin sei, dieses Erbe weiter geben sollte, aber das sehe ich anders. Wem sollte ich die alten Traditionen und Werte noch vermitteln? Ich bin wie ein vergessener Schild, nachdem das Schiff wieder von Ufer ablegte... Aber was verstehen die Erdlinge auch davon? Nicht einmal Reynir versteht mich...

      Wir sprachen auch über diese Nacht vor über 15 Jahren, als mein Stamm starb, als alle um mich fielen... Ich versuchte ihm zu erklären, weshalb jeder von uns kämpfte, warum es kein Aufgeben und kein Fliehen gab... Wenn jeder Weg zum Ende führt, die Wahl zwischen Tod, Tod und Tod steht, dann stellen wir uns aufrecht und stolz und nehmen so viele wie möglich von ihnen mit uns auf die andere Seite, anstatt wie ein Feigling zitternd und auf den Knien den letzten Schlag zu erwarten... Deshalb kämpfte selbst ich mit meinem Kinderschwert gegen die Feinde und später, als alle anderen in ihrem Blute lagen, als ich wie ein zappelnder Fisch in ihren Fängen hing, mein Holzschwert sinnlos gegen ihre Rüstungen hieb, da war es meine Pflicht gegenüber der Toten, sie damit zu ehren, dass ich weder aufgab, noch mich zerbrechen ließ... Der Wunsch um das Ende der Qualen würde nicht über meine Lippen kommen...

      Vieles wurde aufgerührt und der Erdling spricht darüber, ohne es zu kennen und zu verstehen. Er spricht von Leben, von Bewahren und Plänen, spricht so viele Worte, denen ich nicht folgen kann... Obwohl er selbst auch seinen Stamm verlor, als er hier her kam, sind seine Worte von der Leichtigkeit einer Feder und sein Denken liegt in gänzlich anderer Weise verwurzelt... Davon schwirrt mir der Kopf, als ob viele Stimmen gleichzeitig flüstern oder wie wenn dieses Glas zwischen uns liegt. Es sind Welten, die uns trennen. Trotzdem war es gut, mit ihm zu sprechen. Er sagte, der Mensch braucht Menschen und ich glaube, damit hat er recht... Aber all das Denken über vergangene Dinge führt zu nichts. Ich kann die Nahrung meines Zorns daraus gewinnen, mehr nicht.
    • Mut im Herzen


      Die letzten Tage waren gefüllt von Ereignissen... Nicht nur, dass wir nach dem Erwachen in der Erdlingsfestung Disantis zusammen mit Charlie und seiner Baumkatze in die Wüste reisten, um dort den ersten Teil des Metalles abzugeben, nein die Reise ging weiter, viel weiter... Unterwegs trafen wir mehrmals auf Rexe, Schlächter, wie manche sie nennen oder auch die Zähne des Gott des Todes... Auch stießen wir auf kranke Dodos und ich musste Snotra harsch zurück halten, damit sie sich nicht auf diese Tiere stürtzte, welche von gutmütigen Pflanzenfressern zu zornigen Angreifern geworden waren. Auf keinen Fall darf Snotra sich anstecken! Fast im selben Moment wurden wir Zeugen einer überaus glückverheißenden Anblicks, nämlich der Sichtung einer Federklaue. Vielleicht gelang es uns deshalb, die Kranken rechtzeitig abzuschütteln... Glück dem, welcher der Federklaue ansichtig wird - Unheil dem, der diese Ehre verkennt und Hand an sie legt...

      Nun, zuerst einmal aber ging es also in die Wüste. Aber in der Festung der Erdling Sankru war lediglich ein Junge namens Kilian vom Stamm der Masa anzutreffen. Obgleich er sich viele Sorgen darum zu machen schien, ließ er uns ein und wir unterhielten uns kurz mit ihm. Von seinem Stamm habe ich noch nie gehört und es erstaunte mich sehr als er sagte, bei ihnen sei es üblich, dass die Ausbilung zum Krieger erst mit 16 Jahren begonnen würde. Zu diesem Zeitpunkt wäre sie in meinem Volke schon so gut wie abgeschlossen... Weiter erzählte er, dass er nach seinem verschwunden Vater suchen und eine Ausbildung bei den Sankru anstreben würde. Verwunderlich ist dieser Wunsch, denn wenn ich es richtig verstand, war seine Familie den Leuten der vereinten Stämme sehr nahe... Ich glaube, er fühlte sich nicht wohl in unserer Gegenwart, denn er schickte uns recht schnell wieder nach draußen. Ich hinterlegte das mitgebrachte Metall vor dem Tor, bevor wir uns an den Rückweg machten. Heißer Sand unter und flimmernde Luft über uns...

      Welche Wohltat, als wir das Meer erreichten! Snotra sprang mit neuer Kraft durch die Gischt und wir ließen die Tiere jagen, während wir uns wieder auf das grüne Land zubewegten... Am Rand der Klippen wurde dann beschlossen, dass wir Charlie zum Urwald folgen, wo Freunde von ihm leben und wo er den neuen Sattel von Kauni bemalen würde. Reynir war es anzusehen, dass der Weg zu unserem eigenen Zuhause an diesem Tag nicht mehr in Frage kam. Tatsächlich begab er sich schon kurz nach Erreichen der Heimstätte von Charlies Freunden zur Ruhe, während ich mir von Charlie die verschienden Behausungen zeigen ließ. Danach setzten wir uns an eine Art Versammlungsort, aßen und tranken und unterhielten uns. Leider bewegte sich dieses Gespräch immer wieder in eine sehr unschöne Richtung, ganz so als seien es genau die trüben Worte, welche an der Oberfläche des Redeflusses treiben...

      In dieser Nacht schlief ich an Snotra gelehnt auf felsigem Boden, lauschte dem Geräuschen der fremden Umgebung und suchte diese Unruhe zu ergründen, welche mich immer wieder überfällt... Es war keine gute Nacht und ich sehnte den Morgen herbei, auf dass er meine Gedanken wie Nebel in der Dämmerung verhüllen würde... Als endlich der neue Tag anbrach, unsere Mägen gefüllt und Kauni mit ihrem Sattel ausgestattet war, folgte Charlie uns erneut mit seiner Baumkatze. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber eigentlich wollte Reynir mir nur zeigen in welche Richtung unser Heim liegt, dann entschied er sich wohl um... Es erfreute mich, dass er mich flüsternd nach meiner Meinung fragte, bevor er den Entschluss laut aussprach, durch den nun Charlie der erste Mensch ist, welcher unser Zuhause kennt und besuchte. Allerdings, bis dort hin war es noch ein weiter Weg und dieser wurde beinahe von einem großen Unglück begleitet...

      Auf diesem Ritt durch die Nacht bewies der Erdling Charlie nicht nur, dass man ihm vertrauen kann, sondern auch dass großer Mut in seinem Herzen wohnt. Denn als Lumi auf dem Weg voller Geröll den Halt verlor, schlitterte und schließlich in den Abgrund stürzte, da zögerte Charlie nicht. Er scheute weder die Tiefe, noch den Zahn des Gott des Todes, sondern sprang hinterher, um sie zu retten! Mut und Ehre liegt in seinem Handeln und die Götter müssen ihn für diese Tat sehr lieben. Dank ihm ist Lumi am Leben und wir stehen tief in seiner Schuld...

      Charlie... Der, der das Schicksal betrügt... Der den Gott des Todes bestiehlt... Mit dem Herz eines Kriegers...
    • Geschichte vom Anfang


      Die Erinnerungen meiner Kindheit verblassen immer mehr... Verwischen sich, als ob der Wind sie verweht... Ich muss sie bewahren... Für wen soll ich sie bewahren?

      Da ist die Erzählung über die Ankunft der ersten meines Stammes auf Centra... Viele Jahrhunderte vor dieser Zeit...

      Konzentriere dich... Beschwöre die Bilder, die auf den Worten des Großvaters vor deinem inneren Auge entstanden...

      Sie fuhren seit vielen Tagen... Über ewige Weiten aus Wasser, welches an manchen Tagen in seinem strahlenden Blau, an anderen in düsterem Grau um sie lag... Durch Sonne und Sturm und dann in einen dichten Nebel, welcher nicht weichen wollte... Und es ging kein Wind mehr, es war als seien sie Gefangene in einem Traumbild und alle wurden immer schwächer, keine Nahrung, das Meer um sie aus Salz... Über 100 Männer, Frauen und Kinder trieben auf dem Schiff sterbend durchs Wasser...

      Ralla... Der erste Anführer hieß Ralla... Er hatte dem Stamm eine neue Heimat versprochen und nun trieben sie auf der Suche nach Land scheinbar direkt in die Arme von Ran... Tage vergingen, oder waren es Wochen? Leblos, ausgedörrt lagen sie auf den von einer Salzkruste überzogenen Holzplanken... Es schien, als würden sie zu Geistern in ihrem Grab auf See... Blutrot war der Nebel an diesem Tag, kein Laut war zu hören und dann senkte sich Dunkelheit über sie...

      Das nächste Bild war das von Wellen und Sand, von einem frischen Wind und von Gischt, welche sich zwischen Felsen zerwirft... Über 100 ausgemergelte Gestalten an einem Ufer kniend, die schmalen Gesichter dem Land zugewandt... Sie hatten das Meer überquert und den Tod überwunden... Ralla erhob sich mit ausgebreiteten Armen, aus seinen Händen rieselte Sand, der vom Wind davon getragen wurde... Seine Stimme war rau und heiser, wurde aber mit jedem Wort kraftvoller, als er einen Gesang zum Dank und zu Ehren der Götter anstimmte und nach und nach fielen alle mit ein...

      So sehr ich mich auch versuche zu erinnern, mir fallen die Worte nicht mehr ein... Dies erschreckt mich. Eine Erzählung, Jahrhunderte bewahrt und überliefert, damit sie nun hier endet... Alles, was mein Stamm einst war, ist vergangen und wird vergessen werden...

      Und ich bin diejenige, welche die Geschichte vom Ende erzählen wird...
    • Geschichten und Pläne


      Die Geschichte von Charlie hat mich nachdenklich gestimmt. Es scheint, als sei unser Weg ähnlich, obgleich auf ganz andere Art verlaufen... Er sagte, alles rinne ihm wie Wasser aus den Händen, er erlebte viele Verluste und sah seine Pläne zerspringen... Wenngleich unsere Leben sehr verschieden waren und sind, so kann ich doch nachvollziehen und verstehen, wie er sich fühlt. Und da nun nicht mehr nur Reynir es ist, welcher mir Worte in den Kopf legt, frage ich mich, ob sie vielleicht doch recht haben... Nur dass ich keinen Plan B, wie der Erdling es nannte, habe. All die Jahre war mein Denken alleine darauf konzentriert, den Pfad der Rache zu gehen und anschließend die Brücke zu überqueren, welche mich zu meinem Stamm, meiner Familie führt...

      Aber dieser Pfad scheint tatsächlich zerbrochen, die Kämpfe und das Feuer kamen mir vermutlich zuvor... Diese Erkenntnis schmeckt bitter und hinterlässt mich in einer unendlich leeren Weite treibend zurück... Es wäre wenig ehrvoll für eine Kriegerin, sich davon zermahlen zu lassen, aber etwas verloren fühle ich mich dennoch. Ich wünschte, ich könnte ein Orakel befragen oder den Rat meiner Ahnen einholen... Ich kann es drehen und wenden, mir bleibt nichts anderes als darauf zu warten, dass mein Schicksal sich offenbart...

      Einen kurzen Moment dachte ich, ich erhasche doch etwas vom alten Weg, als Reynir und ich den unbekannten Raptoren Reiter sichteten... Wir schlugen ihn mit seiner eigenen Vorgehensweise, beobachteten ihn dabei, wie er erfolglos nach uns Ausschau hielt und auch dabei, wie er den Eingang zu der Behausung von Charlies Freunden ausspähte... Mehrmals hätte ich ihm einen Pfeil in ihn bohren können, aber Reynir hielt mich zurück. Er ermahnte mich, dass wir nicht wissen, wer er sei und ja, damit hatte er recht. Also schaute ich nur zu, wie dieser Reiter versuchte, unsere Spur zu finden und es bereitete mir Genugtuung dass er sich wohl für einen Jäger hielt, aber in Wahrheit selbst zum Gejagten wurde...

      Es wäre eine gute Geschichte, um sie an einem Feuer zu erzählen. Nur dass es keine Gemeinschaft gibt, die zuhören kann...
    • Vom Ende der Welt


      Das Ende der Welt - der Untergang ist in ihrem Anfang vorherbestimmt... Es wird Kämpfe zwischen den Göttern und zwischen den Menschen geben, die Erde wird beben und Steine fallen vom Himmel... Das Meer verschlingt das Land, nachdem Sonne und Mond verschlungen wurden... Feuer wütet wie ein Sturm, während die Schilde gegeneinander schlagen, Schwerter sich kreuzen und der Boden sich rot verfärbt vom Blute der Gefallenen...

      So wurde es mir in meinem Stamm erzählt. Von Kämpfen bis zum letzten Mann und allen Übeln über die Welt, bis alles zerstört ist. Man sagte diese Worte nicht mit Angst, sondern Ehrfurcht, denn das Schicksal ist unausweichlich...

      Die Zeichen sind eindeutig. Der blaue Koloss ist erloschen, die anderen beiden wirken, als lägen sie im sterben. In den Wellen treiben tote Fische...
      Eine leise Stimme in mir frägt sich, wozu mein Leben geschont wurde, damals als alle um mich fielen... Wozu durchschritt ich all die Qualen, wenn das Ende der Welt nun beginnt? Ein schlechter Scherz der Götter wohl. Vor kurzem erst sagte Reynir, dass es Zeit würde, dass ich wieder unter Menschen gehen, mein Erbe bewahren und weitergeben solle... Er sprach von Freude im Leben, welche ich kennen lernen sollte und davon, dass es auch für mich einen Platz, eine vertraute Gemeinschaft geben wird... Und von etwas wie Glück... Stattdessen gehen wir nun dem Ende entgegen.

      So wie die Erde in der letzten Nacht bebte, wird es nicht mehr lange gehen... Mir ist nicht ganz begreiflich, wie Charlie denken kann, er könne etwas an dem Unausweichlichen verändern. Aber da wir nun ohnehin vor dem Ende stehen, sagten Reynir und ich ihm unsere Hilfe zu. Reynir denkt außerdem, es könne einen Weg der Rettung geben, auf welchen er mich schicken will. Reynir, Vater, ich fürchte das Ende nicht! Die Freude und das Glück, von welchem du sprachst, das was mir das Leben nicht geben konnte, das erwartet mich auf der anderen Seite der Brücke!


      Nun denn, ich werde aufrecht gehen. Die Götter sollen sehen, dass auch die letzte Skadi nicht den Mut verliert!
    • Das letzte Aufbäumen


      Nun sitze ich also bei den Erdling Sankru in der Wüste, mein Schwert zur Verfügung gestellt für das letzte Aufbäumen vor dem Untergang... Der rote Koloss starb vor wenigen Tagen mit einem ohrenbetäubendem Aufschrei, danach schienen die Tiere verstört und auffällig widerstrebend nur gehen unsere eigenen Reittiere über den verödeten Boden des toten Landes... Ich bin mir sicher, dass Snotra die Veränderung spürt, das Ende wittert. Trotzdem bleibt sie treu an meiner Seite. Auch du hast einen Platz auf der anderen Seite verdient, Snotra, du ergebene, du mutige, du edle. Mein Dank dir bis in alle Ewigkeit...

      Überraschend kam die Botschaft der Sankru, ein Aufruf der Zusammenarbeit im Angesicht des Untergangs, dem wir folgten. Genauso Charlie, welcher noch immer davon ausgeht, dass sich etwas verändern lässt. Die meisten glauben wohl an eine Rettung, ich hörte von einem sprechenden Drachen, der sagte man solle zum letzten Koloss gehen und lauschen... Bedeutet dies, dass er mit den Göttern sprach? Eigentlich hieß es, alle Versammelten würden sich heute auf den Weg genau dort hin machen, aber da keiner der führenden Sankru anwesend war, verharrten wir wartend. Träge macht einen diese flimmernde Hitze hier, durch den Schweiß klebt einem der Sand auf der Haut und die Zeit scheint klebrig langsam voranzugehen, dabei verdunstet sie uns doch geradezu...

      Dieses untätige Warten... Eine Hand voll Leute hat sich hier versammelt nur, seit unserer Ankunft sah ich den Schmied und die angehende Sanar, die Schüler Ray und Ammaniez, Charlie, Kilian vom Stamm der Masa und einen Mann namens Jake. Dazu allerlei Reittiere, so dass es ziemlich voll ist auf dem Gelände der Festung und man immer ein Auge auf die Tiere haben muss, damit sie nicht übereinander herfallen... Reynir meinte, ich solle mich öfters mit Ray unterhalten, den Grund dafür nannte er mir allerdings nicht und Ray macht nicht gerade den Eindruck, als wolle er mit mir sprechen. Viel eher hoffe ich, die Königin der Sankru kennenzulernen, das wäre mir zum einen eine große Ehre, zum anderen würde es endlich den Eindruck widerlegen, dass die Sankru nur noch aus Erdlingen bestehen...

      Jedenfalls sieht der Plan wohl vor, mit einer Kiste voller Artefaktsplitter zum grünen Koloss zu reisen und auf irgendeine Art zu versuchen, sein Sterben zu verhindern. Allerdings hörte ich auch, dass es tödlich wäre, wenn man den Lichtstrahl berühre. Was an sich ja nur eine Beschleunigung dessen wäre, was ohnehin auf uns zukommt... Mich beschäftigt aber eher die Aussage dieses Drachen. Sollte es wirklich möglich sein, die Götter zu sprechen? Welch eine Ehre dies wäre! Ich bin versucht, in dieser Zeit des Wartens einfach alleine aufzubrechen... Vielleicht sollte ich den Göttern ein Opfer bringen?
    • Mein Schwert


      Eine neue Scharte ziert die Klinge meines Schwertes, dort wo sie sich im Panzer ihres Opfers vergrub... Ich säuberte mein Schwert vom Blut, fuhr mit dem Schleifstein die Schneide entlang, wie schon so oft, nach neuen Narben suchend... Ich weiß genau, von welchen Kämpfen die einzelnen Spuren stammen und auch, welche beiden Einkerbungen schon vorhanden waren, als ich das Schwert vor einigen Jahren erwarb. Sieben, acht Jahre ist es wohl her. Kein Meisterstück und von ungewisser Herkunft, aber dennoch eine sowohl schöne, als auch tödliche Waffe... Damals trafen Reynir und ich hin und wieder auf Händler - Reynir bezahlte mit seinen Tränken und ich mit verarbeiteten Fellen für die Dinge, die wir nicht selbst herstellen konnten, oder auch für geflüsterte Worte, Gerüchte und Neuigkeiten...

      Ich weiß nicht, ob der Schmied meines Schwertes einen Zauber in die Klinge sprach, ob es einer bestimmten Person geschmiedet wurde. Mir jedenfalls liegt es gut in der Hand und bevor ich es zum ersten Mal in den Kampf führte, weihte ich es mit meinem eigenen Blut und rief die Götter und meine Ahnen an mit dem Versprechen, dieses Schwert das Blut meiner Feinde schmecken zu lassen. Schlangenjäger nannte ich es im Stillen, überzeugt davon, es würde sich schon bald in die Körper der Gesichtslosen graben und jede Nacht träumte ich den gleichen Traum... Und nun? Nun trägt es viele Narben und trank so oft vom Saft des Lebens, aber das Versprechen bleibt uneingelöst, wir jagen Schatten und Geister...

      Die Götter sprachen nicht zu mir. Weder dort, beim grünen Koloss, wohin Reynir und ich vor ein paar Tagen geritten waren, noch draußen in der Weite der Wüste. An beiden Orten brachte ich Opfer dar und rief die Götter an, aber ich bin keine Priesterin und meine Erinnerungen an die Rituale sind blass, vielleicht habe ich etwas Wichtiges vergessen, oder aber die Götter haben sich schon den Kämpfen hingewandt, welche das Ende der Welt begleiten... Heute sah ich mit eigenen Augen diesen Drachen, vernahm seine Worte in meinem Kopf. Er sagte, wir würden immer nur mit den Ohren hören, aber dort beim grünen Koloss, da lauschte ich mit allen Sinnen und konnte trotzdem nichts vernehmen!

      Seit Wochen schon spüre ich die Veränderung der Insel und die Tiere fühlen es noch mehr. Nicht mehr lange wird es gehen... Es ist verwunderlich, wie unterschiedlich die Menschen in der Festung hier auf das Ende zugehen... Manche hoffen darauf, das Weltenende abzuwenden, andere suchen ein Tor zur Flucht in eine andere Welt. Manche sind gefasst, andere voller Angst. Manche verharren wie gelähmt, andere sind ruhelos und voller Tatendrang... Ich verstehe weder die Angst vor dem Ende, noch dieses Hoffen auf die Rettung der Welt. Das Ende ist vorherbestimmt und die Zeichen sind eindeutig, unmissverständlich... Das Gespräch über die zu nehmenden Wege erinnerte mich an einen anderen Tag... Wenn die Wahl zwischen Tod, Tod und Tod steht...

      Reynir glaubt ebenfalls an solch ein Tor, an einen Ausweg in eine andere Welt. Ich bin mir dessen nicht sicher, aber ich werden diese Tür durchschreiten, aufrecht und stolz darauf zugehen, was auch immer da kommen mag... Ich bin Sheona Skadi, Tochter der Krieger und Anführer Raik und Ramea Skadi, Kriegerin und Jägerin und letzte ihres Stammes und ich gehe ohne Angst! Entweder finde ich mich auf der anderen Seite der Brücke wieder, dort wo mich meine Ahnen empfangen, oder aber ich setze meine Füße auf neues Land, so wie es einst meine Vorfahren taten... Kein Grund also, trübsinnig zu werden. Zwar musste auch ich erst verdauen, dass all mein Streben der letzten Jahre, alles worauf ich hinarbeitete nun unausführlich ist, doch nichts geschieht ohne Grund und wenn das Schicksal nun einen anderen Weg aufzeichnet, dann gehe ich diesen...

      Nun haben die Erdling Sankru also solch einen Artefaktsplitter gefunden, von welchem es heißt, er würde dieses Tor öffnen. Allerdings weiß wohl keiner genau, wie der Stein angewandt wird und noch wird darüber diskutiert wie, wann und wo er einzusetzen ist. Noch herrscht außerdem Uneinigkeit darüber, ob man wirklich durch solch ein Tor gehen soll, oder hier bleiben. Ich sagte dazu was ich denke und auch, dass man manchmal keine Wahl mehr hat, wenn man zu lange auf eine Entscheidung wartet. Meine Worte haben wohl nicht viel Gewicht in ihren Ohren, aber zumindest sollte es jedem Anwesenden frei stehen, sich selbst zu entscheiden - bevor es zu spät ist!

      Gefunden hatten sie diesen Artefaktsplitter nun nach einem Hinweis des Drachen irgendwo im Gebierge. Ich war nicht dabei, denn auf dem Weg dort hin verlor ich den kleinen Mann namens Jake und seine Baumkatze aus den Augen. Würde diese schnelle Katze nicht so oft einfach von Felsen zu Felsen springen, hätte ich ihrer Spur folgen können... Ich suchte lange zusammen mit Snotra die Umgebung dort am Rande es Eises ab, aber irgendwann gab ich es auf und lenkte Snotra zurück in Richtung der Wüste. Mehrmals wurden wir unterwegs von verschiedenen Tieren angegriffen und wir kämpften Seite an Seite, Snotra mit ihren Klauen und Zähnen, ich mit meinem Schwert... So hieben wir uns durch die Angreifer, wenn sie sich nicht umgehen ließen, bis wir wieder Sand unter den Füßen hatten...

      Zurück dann sah ich als erstes nach Reynir, denn ihm ist es nicht wohl. Mir scheint, die Hitze dieser Gegend macht ihm zu schaffen und je länger wir hier verweilen, desto schlimmer wird es... Als wir heute aufbrechen wollte, fiel er einfach von seinem Raptor hinunter. Vielleicht muss ich ihn auf Grun festbinden, wenn es so weit ist... Zurück lassen werde ich ihn ganz sicher nicht, auch wenn er von so etwas faselt! Nein, zur Not würde ich ihn selbst tragen, denn ich schulde ihm nicht nur mein eigenes Leben, sondern er ist auch auf eine Art wie der Vater, an den ich mich nicht erinnern kann...

      Wir sollten uns bereit halten und deshalb sitze ich hier und beobachte den grünen Koloss. Ich übernehme auch Vaters Wache, damit er sich erholen kann, fühle mich eingehüllt in Snotras Geruch, die Wärme ihres Körpers und lausche dem Geräusch ihres Atems... Mein Schwert ist gereinigt, geschärft und poliert, so dass ich die Spiegelung des grünen Lichtstrahls in der Klinge sehen kann... Wir gehen gemeinsam in das Ende, welches auch ein Neuanfang sein wird... Ob nun auf der anderen Seite, oder in einer anderen Welt...
    • Wie Sand, welcher verweht


      In dieser Zeit des Wartens ist es, als hätte die Wut und der Zorn, welche mich sonst stets begleiten, sich irgendwo im Sand verlaufen... Wie wenn der Wind alles verweht, mich zusammen mit dieser schläfrig machenden Wärme in einen Zustand von Taubheit versetzt... Ich verbrachte viel Zeit draußen in der Weite, opferte den Göttern, welche mir nicht antworten und beobachtete unermüdlich zusammen mit Snotra die Umgebung, sowie das Licht des letzten Kolosses... Während Sonne und Mond sich über den Himmel jagten, das Flimmern der Luft von warmen Regen unterbrochen wurde, verharrten wir still, mit allen Sinnen lauschend...

      Außer dem Wachen über mögliche Veränderungen im Licht des Kolosses habe ich bisher keinerlei Aufgabe und die Zeit vergeht langsam in diesem Ödland, welches bis auf wenige Ausnahmen auch in der Festung von Stille und Trägheit gefesselt ist. Täglich bereite ich einen stärkenden Trank für Reynir zu, doch es scheint, als ob sein Zustand sich kaum verändert, solange wir in der Wüste verbleiben. Selten nur verlässt er sein Zelt und es obliegt mir, mich um die Nahrung für ihn, als auch mich selbst und unsere Tiere zu kümmern. Wie schon seit langer Zeit fühle ich mich rastlos, wenn auch auf eine andere Art. Ich sehne den Tag herbei, an welchem ich entweder die Brücke zu meinen Ahnen überquere, oder aber durch dieses Tor in eine andere Welt schreite...

      Noch immer habe ich keinen der richtigen Sankru kennen gelernt, auch wenn Charlie sagte, einer von ihnen befände sich nun ebenfalls in der Festung. Die mitgebrachten Gastgeschenke an die Königin verstauben und auch wenn ich sie hin und wieder ausbürste, setzt sich doch unaufhörlich Sand darin fest... Oft begegne ich überhaupt niemanden, wenn ich mich innerhalb der Festung bewege. Entweder sind die Leute in ihren Unterkünften, oder unterwegs, ich weiß es nicht. Selten bekomme ich ein paar von ihnen zu Gesicht und dann scheinen sie meist sehr beschäftigt, eilen hin und her und haben kaum mehr als einen kurzen Gruß für mich übrig... Ich hörte von einem Stab und unsichtbaren Wellen, welche in Verbindung mit dem grünen Koloss stehen sollen. Ob dadurch nun irgendetwas wichtiges gewonnen ist, weiß ich allerdings nicht. Zu der angedachten Abstimmung ist es ebenfalls noch nicht gekommen.

      Das erste richtige Gespräch seit Tagen führte ich nun mit dieser kleinen Erdlingsfrau Samantha. Sie scheint mir reichlich wunderlich und launenhaft zu sein, zudem mangelt es ihr an Respekt und Achtung denen gegenüber, die hier geboren sind. Ihr Reden und Gebärden war in solchem Maße irritierend und der Sinn ihrer Worte so unverständlich, dass ich nicht wusste, ob ich eher zornig oder mitleidig werden sollte... Scheibar wird sie vom Drang, sich fortzupflanzen geleitet, denn zuerst hielt sie für lange Zeit Charlies Hand, dann wollte sie dass wir uns ausziehen (was ich ausschlug) und später sagte sie, sie wolle Charlie umarmen. Wie es zusammen passen soll, dass sie in augenscheinlicher Wut davon lief, sich unbekleidet von Charlie finden lies und dann tat, als würde sie sich deshalb schämen, obwohl sie doch vorgeblich genau darauf aus ist - dies kann ich mir nur mit merkwürdigen Erdlingssitten erklären...

      Und dann die Sache mit dem betäubten Wüstenlanghals... Wie ein Geschenk der Götter lag dieses große Tier im Inneren der Festung, tagelang hätten sämtliche Menschen und Tiere hier satt werden können, ganz zu schweigen von der rießigen Lederhaut, welche sich hervorragend zur Herstellung einer Zeltplane geeignet hätte... Doch diese kleine Frau schimpfte nur über die Aussicht eines Festmahls und verlangte, die Beute zu schonen. Grausam nannte sie mich, obwohl sie doch scheinbar keinerlei Ahnung davon hat. Nein, ein leichter Tod wäre es für das schlafende Tier gewesen, kein grausamer! So viele verwirrte Worte aus ihrem Mund und wäre ich nicht selbst nur ein Gast der Sankru, so wäre ich anders mit ihrem Verhalten umgegangen. Ihr Glück wohl, dass keiner sonst dieses Auftreten mitbekam... Aber nun gut, dies ist nicht mein Heim. Bei den Göttern, wäre es meines, so hätte ich sie Respekt gelehrt!

      Wie ich schon neulich zu Reynir sagte: meine Vorstellungen davon, wie es sein wird, sich unter andere Menschen zu begeben, entspricht in keinster Weise dem, wie es nun ist. Alles ist mir fremd, also begnüge ich mich weiterhin damit, die Auge zu schließen und Bilder der Vergangenheit heraufzubeschwören... Die blassen, schemenhaften Gesichter festzuhalten, welche vorüberziehen, wenn ich an meine Kindheit denke... Da sind vertraute Stimmen, eine Wärme von Innen und freudiges Lachen... Hände, die nach mir greifen, aber nicht, um mir Leid zuzufügen, sondern

      Genug.
    • Hinter dem Tor


      Als ich die Augen wieder aufschlug, nahm ich als erstes nur die Stimmen fremdartiger Vögel, sowie ein seichtes Plätschern von Wasser wahr. Dann gewöhnte sich meine Sicht langsam an die Dunkelheit, vereinzelte Konturen schälten sich aus der Nacht... Ich blieb jedoch reglos sitzen und wartete bis die Dämmerung heraufzog. Mit dem anbrechenden Tag zog Nebel auf, dichte Schwaden, welche vorerst kaum mehr als die Felsen in meinem Rücken und einige taunasse Sträucher vor mir frei gaben... Während ich weiter auf das Licht des Tages wartete, kämpften zweierlei Gefühle in mir: zum einen war da eine Art Enttäuschung darüber, dass ich nicht auf der anderen Seite der Brücke bei meinen Ahnen war, nachdem ich den Lichtstrahl beim sterbenden Koloss berührt hatte. Zum anderen aber auch etwas wie Neugierde auf diese neue Welt, welche es zweifelslos ist, denn alles was ich bisher sah und hörte, ist mir fremd. Sogar der Geruch ist ein anderer als auf Ragnarok...

      Ja, ich bin mir sicher, hier noch nie zuvor gewesen zu sein. Wie weit entfernt scheinen die letzten Erlebnisse, welche zum Übertritt in diese Welt hier führten... Ich sehe noch alles vor mir... Der Sandsturm, welcher über die Festung der Sankru brandete, das Beben der Erde und die Unruhe der Tiere... Der Aufruf, sich bereit zu machen... Hastiges packen einiger Dinge in Snotras Satteltaschen, während der sandige Wind uns umpeitschte... Der schwarze Drache, welcher in meinem Kopf schrieb "Worauf wartet ihr noch?!"... Die Feststellung, dass Reynir nur Grun mitnehmen und die anderen Raptoren zurück lassen würde, schnitt etwas an einem bestimmten Punkt in mir. Brun, Kauni und die, die mir am nächsten stand, die kleine Lumi... Es blieb keine Zeit für eine Verabschiedung, stattdessen spornten alle Versammelten ihre Tiere an und jagten sie förmlich auf den Weg zu dem sterbenden Koloss... Kurz erhaschte ich einen Blick auf zwei mir unbekannte Menschen, welche ihrem Aussehen nach zu den echten Sankru gehören könnten. Aber auch hierfür blieb keine Zeit...

      Gerade noch rechtzeitig erreichten wir wohl den grünen Koloss, wo ein Flugtier, welches ich noch nie zuvor sah, um dessen Spitze kreiste. Wir stellten uns alle dicht um den flackernden Lichtstrahl, holten auch die nervösen Tiere nah an uns heran... Dann sah ich dabei zu, wie der Schmied diesen Schlüssel und den Splitter in den Lichtstrahl hielt, lies kurz meinen Blick über die Versammelten schweifen, von denen viele verunsichert, einige sogar ängstlich wirkten... Mich hingegen erfasste eine tiefe Ruhe und eine leise Freude. Ich schloss meine Augen, als ich das grüne Licht berührte, sah schon die vertrauten Gesichter der Vergangenheit vor mir, welche mich begrüßen würden auf der anderen seite und dann... Dann erwachte ich hier. Alleine. Weder wurde ich von meinen Ahnen in Empfang genommen, noch sind Reynir, Snotra oder jemand von den anderen hier...

      Nun, sobald es hell genug war, erhob ich mich leise und spähte vorsichtig die Umgebung aus, von welcher der sich lichtende Nebel immer mehr frei gab... Nicht weit vor mir liegt das Ufer eines zwar nicht stehenden, aber doch sehr ruhigen Gewässers, hinter mir Felsen, Bäume und Wurzeln... Der feuchte Boden zeigt mir die Spuren von kleinen Vögeln und an einer Stelle mit aufgewühlter Erde lassen sich die Abdrücke eines Schweins erkennen... Aber bisher niergends ein Hinweis auf andere Menschen. Wo ist Snotra? Wo sind Reynir und Grun? Wo Charlie? Und all die anderen? Ist es möglich, dass ich alleine das Durchschreiten des Tores überlebt habe? Ist es so wie damals? Ist es mein Schicksal, zum zweiten Mal als einzige übrig zu sein? Sind sie alle tot? Oder noch auf Ragnarok? Oder gar in einer anderen Welt?

      Nun, ich werde wohl noch etwas in dieser Umgebung hier verweilen. Falls Snotra lebt und irgendwo hier ist, wird sie mich finden! Auch ist es zu früh, den Verbleib der anderen auf diese oder jene Weise für sicher zu erklären... Je höher die Sonne steigt, desto wärmer wird es. Jedoch keine trockene Hitze wie in der Wüste, sondern eine feuchte Schwüle, welche mich in meiner Pelzrüstung in Wasser zu verwandeln sucht... Ich sollte vorsichtig sein beim Erkunden, wer weiß welche Stämme, Götter und Wesen in dieser Welt leben... Aber egal was kommt, ich werde meinem Namen Ehre machen und ohne Furcht voran schreiten, ganz wie es sich für eine Kriegerin der Skadi gehört! Ich bin Sheona Skadi und ich habe das Ende der Welt überlebt!
    • Die neue Welt lernen


      Ein harter Tag liegt hinter mir... Das Auskundschaften der näheren Umgebung zeigte mir schnell, dass ich mich in einem sehr gefährlichem Gebiet befinde. Nach langem, reglosen Verharren auf einem Felsen nahe des Wassers offenbarten sich mir dessen stärksten Bewohner: große, wohlgenährte Krokodile. Wie unsichtbar warten sie am seichten Ufer, um dann blitzschnell auf ihr Opfer vorzuschießen und selten, dann wenn sie sich wohl unbeobachtet fühlen, traben sie gemächlich an Land um sich zu sonnen. Das Gewässer ist also nur von trügerischer Ruhe... Die Felsen in meinem Rücken hingegen scheinen berechenbarer. Steil ragt das Gestein empor, zu steil und hält mich so auf gewisse Weise auf einem schmalen Streifen Land gefangen...

      Meine Absicht, einen Weg auf höheres Gelände zu finden, gab ich nach mehreren Versuchen auf. Nicht nur, weil es kaum Aufstiegsmöglichkeiten gibt, sondern auch weil genau an eben diesen Stellen sich eine Vielzahl von Insekten eingenistet hat. Aus von dichten Spinnweben verhangenen Nischen wird man aus vielen Augen belauert und zwischen dem Gestein winden sich große Schlangen... Der Schweiß lief mir in Strömen über den Körper, während ich diese ersten Beobachtungen tat. Es scheint, als würde in diesem Gebiet immer nur feucht schwül sein, sogar des Nachts. Also legte ich meine Rüstung ab und ließ sie bei meinen Habseligkeiten an der Stelle, an der ich erwacht war. Ich trennte den Beutel, welchen ich bei meiner Ankunft hier über den Rücken getragen hatte, auf und baute mir daraus einen Schutz vor der Sonne. Kein sehr sicherer Schlafplatz zwar, aber es wird fürs erste genügen...

      Dann nahm ich meinen Speer und ging los, um die beiden Wege zu erkunden, welche mir offen stehen. Abgekürzt lässt sich sagen, dass die eine Richtung sich als Sackgasse heraus stellte, in welcher ich lange Kämpfe gegen Spinnen, Schlangen und Blutsauger führte. Die giftigen Bisse hinterließen einen schalen Geschmack in meinem Mund, doch der Triumph beim Anblick der von mir erlegten Tiere machten dies wieder gut... Ich nahm alles Verwertbare mit zurück zu meinem Unterschlupf, und hielt kurz Rast, bevor ich den zweiten Weg beschritt. Auf diesem entdeckte ich zwar eine Möglichkeit, auf die Felsen zu gelangen, allerdings warten dort oben auf der Hochfläche listig im Boden eingegrabene Lindwürmer. Diese zu bezwingen mag eine große Ehre sein, doch vorerst zog ich mich zurück und ging weiter das Ufer entlang... Friedliche Pflanzenfresser sah ich bisher kaum, die Fleischfresser haben wohl das Sagen hier...

      Ausweichend wenn möglich und kämpfend wenn nötig, suchte ich mir einen Weg in diese scheinbar einzig mögliche Richtung für einen Menschen zu Fuß. Doch was ich nach langem laufen fand, war wenig vielversprechend... Ödland, nichts als Ödland. Moosiger Felsboden, wo nicht eine einzige Pflanze wächst, ja nicht einmal das kleinste Tier scheint dort zu leben. Irgendwann machte ich wieder kehrt, denn dieser Weg ist sinnlos. Auf dem Rückweg wurde ich mehrfach von Blutsaugern angegriffen, welche ich zwar tötete, aber nun scheint mein Blut zu glühen und ich habe nicht die nötigen Mittel, um mir einen heilenden Trank zu brauen. Noch kann ich klar denken und ich muss mich bald entscheiden, wie ich weiter vorgehe. Dieser schmale Streifen hier ist kein guter Ort für einen längeren Aufenthalt, aber das Ödland bietet keinerlei Nahrung, nicht einmal Wasser...

      Und niergends ein Hinweis auf Menschen. Vielleicht sollte ich mir ein Floß oder Kanu bauen, um nach einem anderen Ausweg aus diesem drückenden und gefahrvollen Kessel zu suchen... Ich verbiete es mir, weiter darauf zu hoffen, dass Snotra mich findet und vermeide es, an Reynir zu denken. Mir scheint, ich bin tatsächlich ganz alleine in dieser Welt gelandet.

      Es gilt, als erstes einen sicheren Lagerplatz zu finden, von welchem aus ich weitere Kreise ziehen werde.
    • Die ersten Tage


      Das Fieber hatte mich niedergestreckt. Lange ist es her, dass ich das letzte Mal wiedergeboren wurde. Hier wird es vielleicht wieder öfters vorkommen...

      Nun, nachdem ich ohne glühenden Körper in meinem Unterstand erwachte, mich kräftiger fühlte, beschloss ich so schnell wie möglich einen anderen Lagerplatz zu suchen. Ich erinnerte mich an eine Stelle, die mir aufgefallen war bei meiner ersten Erkundung und dort habe ich mir inzwischen auch eine kleine Schutzhütte in einer Felsnische gebaut. Vorerst nur aus trockenen Blättern und Zweigen, aber ich habe ohnehin nicht vor, ewig in dieser Region zu verweilen... Die Hütte ist nicht weit entfernt von meinem ersten Platz, aber doch geschützter. Auch hier treiben sich vorrangig Spinnen, Blutsauger, Krokodile verschiedener Größen und die wütende Sorte von Schweinen herum. Hin und wieder verirren sich wohl auch andere Tiere hier her, allerdings werden sie schnell zum Opfer der Fleischfresser und auch ich habe Jagd auf die wenigen Exemplare gemacht, welche einfacher zu erlegen sind...

      Für Nahrung ist also gesorgt und zum Wasser ist es ebenfalls nicht weit. Feuer mache ich hingegen bisher nur bei Tageslicht, denn noch weiß ich nicht, ob ich damit sonst unliebsame Besucher anlocken würde... Allerdings ließ sich nach wie vor keine Spur von anderen Menschen finden... Ob Reynir überhaupt in dieser Welt ist, oder sonst irgendjemand, bleibt weiter fraglich. Aber auch wenn ich nichts von Menschen erschaffenes sah bisher, bleibe ich trotzdem weiter wachsam... Nur eine Sache tat ich, die ich für gewöhnlich nicht getan hätte: Ich hinterließ ein Zeichen an der Stelle, wo mein Einbaum am Ufer liegt. Reynir wird es erkennen, falls er es erblickt... Der aus einem ausgehöhltem Baumstamm gefertigte Einbaum kostete mich mehr Zeit, als der Bau meiner Hütte, jedoch erleichtert er mir das Fortkommen ungemein. Denn zu Fuß und ohne Gefährten zeigt sich die Region mehr als mühsam, oftmals sogar unbegehbar... Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal statt auf einem Reittier mit einem Einbaum über Wasserwege unterwegs bin. Es ist eben alles anders, als auf Ragnarok...

      Nach wie vor herrscht eine, nur von kurzen Regenschauern unterbrochene, schwüle Hitze. Ich erinnerte mich an Reynirs Blätterkleidung und verbrachte einige Zeit damit, mir etwas ähnliches zu basteln. Auch wenn ich so verwundbarer bin, ziehe ich es meiner für diese Witterung gänzlich ungeeigneten Pelzrüstung vor... Auch mein Schwert lasse ich vorerst zurück, wenn ich mich auf Erkundung begebe. Es zu verlieren wäre eine Schmach und noch bin ich erst ein Schüler dieser neuen Welt... Und oh, welch verwunderliche Dinge meine Augen schon sahen! Eine Landschaft wie aus Traumbildern eines Pilzrausches... Unbekannte Pflanzen und Tiere... Sogar kleine, bunte Drachen! Oder feige Giftbringer, welche nicht angreifen, sondern davon laufen, obwohl sie viel größer sind, als ihre Artgenossen auf Ragnarok... In der Ferne sah ich zudem einige hohe Berge, jedoch wird es nicht leicht werden, diese zu erreichen. Alles was fester Boden ist, ist hier sehr begrenzt...

      Snotra würde es nicht gefallen, dass sie hier so viel schwimmen muss. Ich vermisse sie sehr an meiner Seite... Zwar komme ich zurecht, trotzdem wünschte ich, ich wäre nicht alleine... Auch wenn Reynir und ich manchmal kaum sprachen, so war da doch jemand, an den man das Wort richten konnte. Vor allem jetzt, wo die ersten, notwendigen Dinge erledigt sind, lastet das Fehlen der anderen schwer... Es ist sehr still in meiner Hütte...
    • Neu

      Nicht länger alleine


      Reynir lebt und ist wohlauf! Er ist zusammen mit Grun in dieser Welt erwacht und hat sich, so wie ich auch, erstmal einen sicheren Unterschlupf errichtet. Ich sitze nun in seiner Hütte, bin sogar hier aufgewacht, nachdem... Aber das ist eine andere Geschichte. Ich sollte der Reihe nach erzählen, bevor ich alles durcheinander werfe... Einige Monde zuvor fuhr ich mit meinem Einbaum aus dem Flusslauf hinaus in Richtung des offenen Meeres und dann nach links, dort hin wo das Land in der Luft schwebt. Welch ein unglaublicher Anblick dies immer wieder ist: Rießige Felsen, welche wie durch Zauberei am Himmel gehalten werden! Das muss ein Werk der Götter sein! Ich staunte immer mehr, während ich darunter hindurch paddelte... Einige sehr grüne Inseln liegen dort im Wasser, voller Blumen, Pilze und Kristalle. Es wirkt einladend, jedoch würde ich mich davor fürchten, unter dem fliegenden Land zu leben. Bestimmt werden diese Felsen irgendwann vom Himmel fallen! Und der blutrote Wald am Ufer ist voller Tücken. Die Schönheit dieser Umgebung ist wie das Lockmittel zu einer Falle...

      Ich erkundete also lange Zeit dieses Gebiet und fuhr mit meinem Einbaum danach noch weiter die Küste entlang. Die Landschaft veränderte sich, es wurde kühler und ich sah schneebedeckte Berge... Plötzlich aber war die Luft erfüllt von schwarzen Nebelschwaden und flimmernden Blitzen und mich überkam ein sehr seltsames Gefühl. Etwas stimmt nicht dort und mein Instinkt warnte mich davor, weiter in diese Region zu dringen. Unheil ist dort... Ich machte kehrt und hielt kurz Rast bei meiner Hütte, bevor ich wieder aufs Meer hinaus paddelte und mich diesmal nach rechts wandt. Es war ein langer Weg am Ödland vorbei und wie auch bei meiner Erkundung zu Fuß, sah ich vom Wasser aus weder Pflanzen noch Lebewesen. Die Karg- und Tristheit dieser Gegend wollte kein Ende nehmen, aber gerade als ich daran dachte, abermals zu wenden, erblickte ich am Horizont eine Sanddüne und kurz drauf Palmen. Es dunkelte bereits, weshalb ich den Einbaum auf eine von Pflanzen bewachsene Sandbank auffahren ließ. Dort war es, wo ich das erste Mal seit meiner Ankunft hier auf Menschen stieß...

      Dieses Aufeinandertreffen kann kaum ein Zufall gewesen sein. Das Schicksal muss uns alle mitten in der Nacht zu dieser kleinen Sandbank geleitet haben... Wie sonst ist es zu erklären, dass nur einen Moment, nachdem ich zum Lichtschein des Lagerfeuers hinan trat, knierschend ein Floß anlegte, welches voller Menschen war? Ich war auf alles gefasst gewesen, als ich mich dem Feuer näherte, an welchem zwei Personen saßen und hielt meine Axt fest in der Hand. Dann erkannte ich in einem der von orangegelben Feuerschein beschienenen Gesichtern das von Charlie... Wie gut es war, ihn zu sehen! Der Mann, der bei ihm war, kenne ich nicht. Wir hatten uns kaum begrüßt, als die Dunkelheit noch mehr Menschen förmlich ausspieh... Von dem anlegenden Floß sprangen die Erdling Sankru hinab: der Schmied Ulysses, die angehende Sanar Ramona, der kleine Mann Jake und die Schüler Ammaniez, Ray und Killian vom Stamm der Masa. Und das wichtigste: sie hatten Kunde von Reynir und versprachen mir, mich zu ihm zu führen...

      So gelangte ich also, nachdem wir die Nacht auf dieser Sandbank verbracht hatten, im Gefolge der Erdling Sankru zuerst zu deren neu entstehenden Festung, dann brachte der Schmied mich mit seinem Wolf zu Reynir. Es war wenig verwunderlich, dass die Sankru in der Wüste lagern, dafür aber umso erstaunlicher, dass Reynir sich ebenfalls am Rande dieser Region aufhielt. Nun, er schimpft auch viel über die trockene Hitze und hat wohl bereits begonnen, an einem anderen Ort ein Lager aufzubauen, welches er mir bald zeigen wird. Ich sehe Reynirs Lebensgeister, welche auf Ragnarok sehr still geworden waren, neu erweckt. Er sitzt kaum still und sprach davon, dass wir uns nun nicht mehr verstecken müssen, dass es hier einen Neubeginn gibt, ohne die Schatten... Und er hat bereits damit begonnen, das Rudel wieder aufzubauen, denn leider sind die anderen Raptoren genauso verschwunden wie Snotra. Snotra... Ihr Fehlen schmerzt...

      Auch wenn Snotra weiter verschwunden bleibt... Ich danke den Göttern dafür, dass Reynir lebt und dafür, dass ich nicht alleine in dieser Welt bin! Es freute mich auch, Charlie zu sehen. Schade nur, dass wir uns nicht richtig unterhalten konnten und ich nicht weiß, wo er sich niedergelassen hat... Doch wir werden sehen, was das Schicksal für uns bereit hält. Das Ende des Alleinseins ist der Anfang...
    • Neu

      Ein neues Zuhause?


      Reynir sagte, ich muss nicht mit ihm ziehen. Ich könne auch alleine, irgendwo anders leben... Ich weiß nicht recht. Sollte ich ein abermaliges Alleinesein dem vorziehen, dass mir dieses Gebiet nicht gefällt? Hier merkt man erneut, dass Reynir und ich verschiedener Herkunft sind. Er sucht das Verborgene, wird eins mit dieser unübersichtlichen Umgebung, während ich mich nach einer offenen Weite sehne... Es stimmt wohl, dass er den Platz gut gewählt hat und doch... Aber gut. Fürs Erste errichte auch ich mir eine Hütte und helfe beim Aufbau der Palisade, sowie beim Beschaffen der nötigen Materialien. Es wird großzügiger als auf Ragnarok, jetzt wo wir wissen, dass nur eine Hand voll Menschen in dieser Welt lebt und keiner von ihnen nach uns sucht...

      Wir waren bereits bei meinem ersten Unterschlupf nahe der Blutbäume und holten meine Habseligkeiten zu Reynirs Himmelslager. Bis wir die möglichen Landwege gut genug kennen, wird wohl noch einige Zeit vergehen, also
      wählten wir den Wasserweg und ließen die Raptoren für diese Zeit bei den Erdling Sankru. Erstaunlich, wie selbstverständlich Wit dem treuen Grun folgt... Aber Reynir war schon immer ein Meister darin, diese Tiere zu erkennen, zu formen und zu leiten. Er kennt sie wie kein zweiter, weiß wie sie denken und handeln... Jedenfalls kamen wir gut und ohne Zwischenfälle voran und ich zeigte ihm auch die wundersamen Landstriche dort...

      Sobald unser Lager sicher genug ist, möchte ich gerne weiter diese Welt erkunden, sie wissen und kennen... Wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich Snotra neben mir, rieche ihren Geruch, höre ihren Atem und ihr Brummen und mir ist, als könne ich ihr Fell unter meinen Fingern spüren, wenn ich nur die Hand danach ausstrecke...
      Niemand wird je so treu, so zuverlässig sein, wie sie es ist... Ein solch starkes Band der Freundschaft...
    • Neu

      Zeichen


      Ich habe meine neue Hütte fertig gestellt. Nicht so kunstvoll, wie die Behausungen meines Stammes einst waren, aber es genügt mir... Auch an Snotra habe ich gedacht und den Raum groß genug gebaut, so dass auch sie einen eigenen Schlafplatz darin hat. Vielleicht werde ich die Tür vergrößern müssen, aber das sehe ich erst, wenn sie wieder bei mir ist... Wenn ich hinter dem Haus auf die ebene Fläche schaue, meinen Blick in die Ferne richte, dann meine ich sie sehen zu können... Ich sehe sie auf mich zu rennen, Erdklumpen unter ihren schweren Schritten empor fliegend... Aber dieses Bild löst sich auf, wird nicht zu Wahrheit, egal wie oft ich dort stehe und die Umgebung beobachte... Es gibt kein Lebenszeichen von Snotra...

      Ein Zeichen von anderer Art erhielt ich stattdessen von Wit... Ich wollte mit ihr üben, sie trainieren, wie Reynir es tut. Doch das schien Wit gar nicht zu gefallen und sie schnappte mit ihren spitzen Zähnen nach mir. Ich fühlte, wie sich diese in meinen Arm vergruben und konnte gerade noch rechtzeitig reagieren... Reynir schalt mich dafür, dass ich alleine mit Wit üben wollte und er hat wohl recht. So trage ich nun einen Raptorenbiss wie ein flammendes Zeichen an mir... Um sicher zu gehen, dass die Wunde sich nicht entzündet, suchten wir die Sanar Ramona bei der Erdling Sankru auf. Sie wusch mir den wunden Biss aus und tat eine Salbe darauf, sowie ein gekochtes Tuch, welches kleine Tiere fernhalten soll. Ich verstehe nichts von der Heil- und Zauberkunst der Sankru, jedoch würde ich selbst mich eher um große, denn um kleine Tiere sorgen... Als ich die Sanar fragte, womit ich mich für die Behandlung erkenntlich zeigen kann, wollte sie nichts haben. Ich werde trotzdem meine Augen nach den Dingen offen halten, welche sie benötigen könnte, Gifte, Pilze und dergleichen...

      Bei den Erdling Sankru wartet man derzeit ebenfalls auf Lebenszeichen mehreren verschwundener Personen. Meldung von solchen, welche seit dem Übertritt in diese Welt noch nicht gesehen wurden, aber auch vor Ort wird jemand vermisst. Der junge Killian vom Stamm der Masa ist wohl fort gegangen und man scheint sich sehr um ihn zu sorgen. Reynir und ich sagten zu, unsere Augen nach ihm offen zu halten... Dann bat die Sanar uns wieder zu gehen, da sie und die anderen noch viel zu tun hätten. Das kann ich verstehen, wir selbst sind ja ebenso damit beschäftigt, unser Lager weiter aufzubauen und vor allem abzusichern... Wobei wir in den letzten Tagen schon viel geschafft haben. Die Barrikaden und der Zaun sind vorerst fertig, das Gehege für die Raptoren und auch Reynirs Hütte stehen. Wobei das Dach von letzterer neuerdings von einem kleinen Äffchen besetzt wird. Reynir ist nicht sehr begeistert davon, lässt es aber in Ruhe. Sollte es uns ärgern, können wir es immernoch einfangen und über dem Feuer braten...

      Jedenfalls trafen gerade, als wir die neu entstehende Festung der Erdling Sankru wieder verließen, dort vier Personen auf zwei Pferden ein. Es freute mich sehr, unter den Neuankömmlingen auch Charlie zu erblicken. Der Mann bei ihm nannte sich Theon und Reynir stellte uns bei ihm vor. Die beiden Frauen hielten sich abseits, so dass ich nicht erkennen konnte, wer sie waren... Ich hätte gerne das Gespräch mit Charlie gesucht, jedoch war dafür wieder keine Zeit. Während er mit den anderen zur Festung ritt, waren wir in entgegengesetzte Richtung unterwegs... Ich warf noch einen Blick zurück, bevor ich weiter lief und mich beeilen musste, um mit Reynir und den Raptoren Schritt zu halten. Jetzt, hier in in meiner Hütte überkommt mich wieder diese Stille... Früher war da immer Snotras Gegenwart, an sie konnte ich meine Worte richten, wenn ich diese nicht an Reynir geben wollte. Nun aber umgibt mich nur der schwache Feuerschein...

      Diese Zeit ist die, welche am seltsamsten ist. Dann wenn keine Arbeit mehr zu tun ist, aber sich auch der Schlaf noch nicht einstellen will... Dann fühle ich wieder diese Unruhe in mir erwachen... Schweigen kann sehr laut sein...
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      Wege


      Es war gut, mit Charlie zu sprechen. Er zeigt mir andere Blickwinkel, weitere Möglichkeiten und Wege auf... Ich denke er hat recht, allerdings ist es schwer, dies offen zuzugeben, denn es erscheint mir wie das Eingeständnis einer Schwäche... Oft liegen mir so viele Worte auf der Zunge, welche nach außen drängen und doch halte ich sie fest in mir, denn sie könnten meinen Schild zerbrechen... Dies hat er zwar nicht bemerkt, aber als ich meinen Schildarm erlahmen sah, brach ich das Gespräch ab. In Snotras Ohr könnte ich all die Dinge sagen, doch sie ist nicht da... Charlies Worte waren scharf wie eine sorgfältig geschliffene Klinge, als er von einer Auswahl statt Vergessenheit sprach. Er versteht wohl nicht die Enttäuschung und die Sehnsucht, die in mir wohnen... Niemand tut das.

      Er spricht davon, was für die, die nach uns kommen bleibt und sagt doch gleichzeitig, dass es nicht mehr als eine Hand voll Menschen in dieser Welt gibt... Etwas, was auch Reynirs Vorhaben zu einem zum Scheitern verurteilten Bemühen macht... Ausgewählt... Wozu?! Das Sterben meines Stammes zu sehen, all die Qual danach zu überstehen, gerettet zu werden um die Hälfte meines Lebens versteckt zu verbringen, um dann... Ja was denn? Den Untergang Ragnaroks überleben, zu diesem Preis?! Die einzige Freundin zu verlieren, welche ich hatte... Das Nagen der Einsamkeit zu verstärken, an welcher auch Reynir nichts ändern kann... Ich habe akzeptiert, dass der Weg der Rache unbegehbar ist. Doch auch andere Pfade versinken, sobald ich nur einen Fuß darauf stelle...

      Mir scheint, wo ich auch gehe ist nichts als Zerfall. Warum frägt er, ob wir neue Bekanntschaften machten, obgleich er selbst weiß, dass diese Welt menschenleerer noch als Ragnarok ist? Seit dem Tag, an welchem ich mich von der Sanar behandeln lies, haben wir niemanden mehr getroffen... Stattdessen versuche ich meine Zeit damit zu füllen, unser Lager weiter auszubauen und zu jagen, aber es reicht nicht aus und ich stehe und beobachte die Umgebung so lange, bis ich mich fühle, als sei ich selbt ein Teil von ihr, ein Baum oder ein Felsen...

      Reynir scheint von allem unberührt. Er kümmert sich um die Raptoren und träumt von seinen Plänen... Zumindest für ein paar Tage werde ich nun eine Aufgabe haben, denn Charlie bat mich, ihm beim Herstellen eines Sattels zu helfen. Aber was kommt danach? Die Leere ist so groß und so beständig, das viele Welten darin Platz finden... So oft ich es auch versuche, die Götter senden mir kein Zeichen... Vielleicht muss ich mich überwinden und Charlie fragen, immerhin ist er jemand, der das Schicksal betrügt... Vielleicht stelle ich ihm erneut mein Schwert zur Verfügung, wenn es für mich selbst keinen Weg gibt...