The Life of Charlie - Schiffbruch mit Tiger

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    • The Good, the Bad and the Charlie

      Zur Sicherheit wischt er sich noch einmal über die Augen. Er hat die Nacht schon nicht geschlafen und sein Gesicht wirkt schon ganz taub. Doch nun glaubt er, dazu in der Lage zu sein, also hält er die Feder mit zitteriger Hand

      Das was ich tun will und tun kann könnte kaum weiter voneinander entfernt sein, wie es momentan ist. Nun sitze ich hier auf meinem Scherbenhaufen, welches einmal meine Zukunft war. Und mir bleibt nichts anderes übrig, als aus diesen Teilen ein verzerrtes Bild als Mosaik zusammenzulegen, denn nichts mehr wird mir übrig bleiben.

      Ich muss wieder verstärkt an Conner denken. Nicht bloß, weil ich ihn nochmal Vaan gegenüber erwähnte, sondern weil ich ihn vor einer Weile für einen kurzen Augenblick vor mir stehen sah. Ich will so viel verstehen...und kann nichts machen.

      Ich möchte weiterhin meinen Teil zur Einigkeit dieser Insel beitragen, doch es gibt dermaßen viele Probleme und Interessen, dass es schier unmöglich ist. Ich muss anfangen, Prioritäten zu setzen. Ich muss zum ersten Mal Probleme anderer ignorieren. Ich will helfen...und kann nichts machen.

      Dann meine Behausung. Sie zu hegen und pflegen ist aufwändig, vor allem allein. Sie hatte es versprochen. Sie blieb ganze zwei Tage. Nun ist sie wieder weg. Seit Tagen. Schlug meine Bitten und Sorgen beiseite. Und lies mich diesmal nicht nur physisch zurück, sondern auch im Herzen. Sie hat nichts gesagt. Nichts hinterlassen. Sie ist einfach fort. Ich habe wirklich alles versucht. Das kann ich ehrlich und aufrichtig sagen. Wieder war nur ich es, der uns aus dem Dreck zog. Vaans Worte schmerzen nicht, weil sie hart sind, sondern weil ich eine Wahrheit und Richtigkeit darin erkenne. Es gibt keinen gemeinsamen Weg. Es git kein "Wir". Somit zerbricht auch das letzte Glied eines alten Modells, welches somit mit Kenan und Lilly endgültig verschwunden ist. Ich will eine Zukunft. Ich will nicht allein sein...und ich kann nichts machen.

      Wer bin ich eigentlich noch? Ich bin kein Wolf, kein Bär und kein Raptor. Charlie...ein Name, ein Überbleibsel aus der alten Welt. Meines alten Ichs... Wer bin ich?

      Erst jetzt bemerkt er, dass seine Vorsichtsmaßnahme umsonst war. Tränen tropfen auf das frisch beschriftete Papier, einzelne Buchstaben verschwimmen und verzerren die zitterige Schrift noch mehr. Er wird es zulassen, solange es nötig ist. Und dann wird es Zeit für Veränderungen.
    • Verantwortung schreibt man immer groß, Charlie

      Das Licht der Fackel genügt, wie erwartet, um auch in Dunkelheit sowohl lesen, als auch schreiben zu können. Das Licht wirft durch das Holzgerüst Schatten an die Höhlenwand. Daneben sitzt Charlie auf dem Bett. Nicht so weich wie das alte, aber immernoch viel besser als der Schlafsack, mit dem er gerechnet hatte.

      Erst Trauer und Zweifel. Zweifel an der Realität, dass sie doch nicht wahr sein kann. Doch mit der Zeit werden diese Gefühle zugunsten von Enttäuschung, Wut und einer inneren Leere verdrängt. Sie ist noch immer nicht zurückgekommen. Schneeweißchen, die schon immer eine große Geduld zeigte, beobachtet das Geschehen um sie herum nicht mehr, sondern richtet ihre Aufmerksamkeit in die Ferne. Auch Yasko wird immer unberechenbarer. Er folgt mir noch, wenn ich ihn rufe, doch er teilt längst nicht mehr so selbstverständlich seine Beute mit mir, während er ansonsten in der Umzäunung unruhig hin und her läuft. Ich kann trotz aller Aufmerksamkeit seine erste Bezugsperson nicht ersetzen. Im Geiste sehe ich ihn schon über den Zaun springen und davonjagen.

      Ich könnte es ihm nicht verübeln. Auch ich bin nun gegangen und lebe bei Freunden, die mich weit herziger und mit einer Selbstverständlichkeit aufgenommen haben, wie ich es nie erwartet hätte. Das gab mir ein wenig Wärme. Wärme, die sonst niemand hier vermittelt. Außer man ist kein Mensch, dann hat man pauschal bei einigen hier Lebenden weit mehr Aufmerksamkeit und Wärme. Gleichzeitig sprechen sie davon, wir Menschen wären davon nicht auszuschließen, wir seien alle Lebewesen. Wenn sie jetzt nur daraus die richtigen Schlüsse ziehen würden, gäbe es viele der Probleme hier nicht. Diese Distanz mag oberflächlich betrachtet dem Eigenschutz dienen. Doch darf man sich über die zufälligen Ergebnisse nicht wundern, wenn man den Dingen einfach ihren Lauf lässt. So wie mit den Waldläufern und vielen anderen Neulingen. Selbst Menschen mit Potenzial, aber ohne Erfahrung, können nicht mehr erbringen als das Potenzial der Gruppe, der sie zugehörig sind. Eine Verantwortung, die niemand wahrnimmt. Ich bin mit Ambrosinus bereits ausgelastet. Und auch wenn er sich bescheiden gibt, so hat er doch schon zweimal erwähnt, dass ich ihn "bloß" im Stall untergebracht habe. Ich bin mir nicht sicher, ob er scherzt oder wirklich nicht versteht, dass dies für ihn der mit Abstand sicherste Ort war.

      Dann die Art des Umgangs. Sie scheinen nicht vertrauen zu können. Ich sehe immer wieder dieselbe Struktur. Der Stärkere hat was zu sagen. Egal ob nun bei Lincoln und Jasuh, oder Nash und mir. Wenn er denkt, er könne mir Aufträge erteilen, als wäre ich einer seiner Vasallen, dann wird er erkennen, dass diese Einstellung den Fortschritt unseres Gemeinsamen Weges nur behindert. Wenn er denkt, er kann sich nur auf die Leute verlassen, die er kontrolliert, so wie bei Cara, Lincoln und wahrscheinlich auch nun Liam, wenn Vertrauen keine Rolle spielt, dann darf er sich nicht wundern, wenn Einsamkeit sein nächster Begleiter ist. Es ist wie mit Markus und dem Umgang seiner Raptoren. Er hatte ein funktionierendes System geschaffen, aber kein gutes. Und was nach Markus blieb war - nichts. Wir werden sehen, ob Nash wirklich genauso ist.

      Ich beginne noch einmal die Geschichte zu erzählen, zumindest so gut wie ich sie erzählen kann. Was hier auf dieser Welt los ist. Dass es Probleme gibt. Dass es uns alle betrifft. Dass man etwas tun muss. Und hier könnte ich Nash verstehen. Ich bin mir sicher, hätte ich danach den Leuten einen Auftrag gegeben, etwas konkretes, was sie tun sollen, viele hätten es getan und sich dann gut gefühlt. Weil sie etwas getan haben für diese Welt und ihre Zukunft. Viele sind zu unsicher und unselbstständig, um einen eigenen Weg zu gehen oder von sich aus entschlossen Hilfe anzubieten. Oder zumindest sich Gedanken um konkrete Lösungen zu machen. Stattdessen, immer dasselbe. Sie bedauern diese Situation, nur um im gleichen Atemzug ihre Ohnmacht zu beschwören. Ich glaube nicht, dass viele von ihnen sich darum kümmern werden. Es wird, wie so oft, auf den Schultern weniger lasten. Der Dank ist dann eine Erwähnung beim Lagerfeuer, wenn sie zusammenkommen. Und das tun sie alle ja gerade sehr gern, ganz gleich was am Tage passierte.

      Nein, ich gehöre wirklich nicht mehr zur alten Welt.

      Mit viel zu viel Kraft schlägt er das Buch in seiner Hand zu, sodass sogar Artemis sich draußen regt. Einen Atemzug später ist die Wut wieder verflogen. Es gibt wichtigeres. Zumindest er weiß es.


    • Und täglich grüßt das Murmeltier, Charlie


      Fast widerwillig greift Charlie zum Buch, kaum dass er mit Artemis im Stall sitzt. Voller Unruhe drängen seine Gedanken und Emotionen ihn zum Tun und Handeln. Doch er weiß, dass er es nicht erzwingen kann. Ruhe bewahren muss. Diese Psychohygiene ist jetzt wirklich notwendig. Also schlägt er es auf und beginnt zu schreiben.


      Wieder stehe ich vor einer großen Herausforderung. Und abermals bin ich allein. Es gibt keinen, der mir hier helfen kann. Oder? Kann ich hier jemanden mit hineinziehen?
      Meine Gedanken rasen schon wieder. Zumindest geht es diesmal nicht um mein Leben, sehr wohl aber um viele andere. Und mein Geschick allein entscheidet, wie viele Leben ich retten kann. Es hat bereits Tote gegeben. Dieser klägliche Anblick des einst stolzen Basilisken. Fleischreste nahe des Gebäudes. Trümmer. Munitionsreste. Der dezente Geruch von Schwarzpulver in der Luft. Eine verstörte Ramona. Ein irritierter Vaan. Kein Ulysses. Sie alle bereiten sich auf den Krieg vor. Auf den Tod. Nur ich überlege fieberhaft, wie ich Leben retten kann.

      Liam hat bekommen, wonach er sich sehnte. Liegt es wirklich an dem Splitter? Ich kann diese Geschichte nicht wirklich glauben. Mag sein, dass ihn ein Splitter beeinflusst hat. Doch diese Geschichte dazu...Cato hat recht. Es ist ein schlechtes Drama aus der Feder eines Mittelstufenschülers.

      Nash, der Mann aus dem Hintergrund...was mag sein Ziel sein? Es gibt so viele Unstimmigkeiten. Einerseits wurde er entführt, andererseits schenken sowohl er als auch Kamira der Sache nach kürzester Zeit keine Beachtung mehr. Fast, als ob... Dann sein Versuch, unsere Beziehung zueinander neu zu bestimmen. Das Verlangen nach Resultaten, obwohl er mir alle Zeit eingeräumt hat. Umgekehrt aber auf meine drastischen Vorschläge keine Antwort gibt. Und Kamira ist über die aktuellen Schritte zwangsläufig informiert. Sie sind klein, zu klein um sie zu erwähnen. Doch es geht voran. Was soll das? Geht es wirklich noch um das Ziel, diese Insel zu retten? Warum dann der Krieg?

      Lincoln. Ein Verbindungsmann zwischen mir und Nash. Augenscheinlich. Sehr wohl aber mit einer eigenen Meinung und jemand, der seinen eigenen Einfluss mit einbringt. Und auch er ist widersprüchlich. Suchte er noch die Konfrontation mit Jasuh, um klarzustellen, wer die dickeren Eier hat, so fehlten sie ihm dann, als es darum ging, mir ins Gesicht zu sagen, was sein Problem mit mir ist. Dass ich einen alten Bekannten vorbeibrachte kritisiert wurde, ist okay. Ich wusste es nicht besser. Durch mangelnde Kommunikation, obwohl ich ständig erreichbar war, sind Fehler passiert. Nun weiß ich es besser. Dennoch scheine ich es mir bei ihm deshalb verscherzt zu haben. Doch das erfahre ich nicht von ihm, sondern einer Fremden, die er in Nashs Haus geholt hat. Das ist zugleich ein Widerspruch in seiner Kritik. Ich war drauf und dran, sie rauszuwerfen als ich sie allein antraf, weil mich niemand von ihr informierte. Sie hätte eine Gesichtslose als Neuling getarnt sein können. Doch sie hatte Schlüssel vom Anwesen, konnte Tore öffnen, die mir versperrt blieben. Und bei ihr hat sich Lincoln ausgekotzt. Schon spannend, wenn ein Mann über "die Menschen" spricht, als gehöre er nicht dazu, dann aber so falsch ist...so...menschlich.

      Mich geht der ganze Mist nichts an. Sollen sie sich bekriegen. Ich werde zusehen, dass ich weiterhin an einem Weg arbeiten kann, um dieser Insel zu helfen. Wer am Ende noch hier ist, um sich vielleicht dann doch wieder darauf zu konzentrieren, ist mir egal. Ich gehe meinen Weg in den entscheidenden Momenten sowieso allein. Das schaffe ich dann auch noch.

      Dagegen wirken die Probleme in den Highlands wie Pustekuchen. Menschen, die mit Tieren nicht umgehen können, ganz egal, wie viele neue Chancen sie erhalten. Dann Menschen, die langsam den Ernst der Lage begreifen und nun hastig ihre Verteidigung ausbauen. So verlockend die Highlands anfangs wirkten, sie waren eine Falle. Die trügerische Ruhe und der Frieden ließen diese Menschen die falschen Wege einschlagen. Dann schlug Ragnarok mit dem Erscheinen des Basilisken, Jasuh und dann den verzweifelten Allos mehrfach hart zu. Ich unterstütze diejenigen, in denen ich Potential erkenne.

      Solange, wie diese Menschen an ihren eigenen Heimen bauen, kann ich nicht erwarten, dass sie mir bei meinem helfen. Nicht, dass ich dafür Zeit hätte. Die letzten Tiere sind nun bereit gewesen, von mir freigelassen zu werden. Bei Carla konnte ich die Tränen wirklich nicht mehr zurückhalten. Sie wird es im neuen Rudel gut haben. Ich habe sie lange beobachtet und besonders für sie ausgesucht. Kurz zusammengebrochen bin ich, als ich wieder das alte Zuhause betrat und feststellen musste, dass Yasko und Nami gegangen sind. Natürlich bestand immer diese Möglichkeit, angesichts der Situation. Doch es dann zu erfahren, dass sie einfach weg sind... Es fühlt sich so undankbar an. Ich habe so viel Kraft, Zeit und Mühe für sie investiert. Ich war weder mit Namis Muskelaufbau fertig, noch ging es Yasko wirklich besser. Es gibt kein Erfolgserlebnis. Kein Danke. Kein Abschied. Nur eine nun einsame Steinhütte. Und zu allem Übel auch noch mit einem weiblichen Microraptor, der sich unter der Treppe eingenistet hat und mir den Weg ins Haus verwehrt. Während Speedy in der Wüste bei Kamira sitzt.


      Das Buch wird geschlossen. Erst jetzt bemerkt er, dass sein Gesicht ganz feucht ist. Egal, das ist nunmal der Nebeneffekt. Charlie richtet seinen Blick nach vorn. Es kann nur weiter gehen. Und er hat bestimmt nicht vor, so wie die anderen, denselben Fehler zu wiederholen. Seine Fäuste ballen sich. Wut wird sein einziger Begleiter in den Schlaf hinein sein.
    • Was war zuerst da? Das Huhn? Das Ei? Charlie?


      Selten so lustlos greift Charlie zum Buch. Die Hände schmerzen bereits, und der Körper noch mehr. Doch der Umstand, dass so viel in einem Kopf herumschwirrt, lässt ihm fast keine Wahl mehr.


      Sie machen Fortschritte. Dass sie intelligent sind, damit rechnete ich, doch besonders Chikahua zeigt ein erschreckend gutes Geschick darin, Zusammenhänge zu erkennen, zu begreifen und zu nutzen. Sie lernt von allen am schnellsten. Sie ist darum auch meine Hoffnung, wenn es darum geht, Dinge zu lernen, die weder ich noch Artemis vermitteln können. Ihr Jagdverhalten ist momentan noch nicht so, wie es sein sollte, ihr Potential noch nicht erreicht. Und das ist auf eine gewisse Art erschreckend. Bereits jetzt sind sie erfolgreiche Jäger. Sollten sie es schaffen, sich wie ihre wilden Artgenossen zu verhalten, würde sie das umso stärker machen. Und plötzlich wird einem auch die Verantwortung stärker bewusst, die man Dritten gegenüber hat. Aus diesem Grunde habe ich auch Daniel und Ella gesagt, dass sie in nächster Zeit nicht herkommen sollen, bis die Rangordnung geklärt ist. Ich bin zuversichtlich, dass mein Plan dazu aufgehen wird. Nundenn...sowie sie soweit sind, heißt es auch schon Abschied nehmen. Sie werden erstaunlich schnell selbstständig.


      Ganz anders verläuft es mit Ambrosinus. Der Gute hat sich in unserem letzten Gespräch quasi von meiner Ausbildung verabschiedet. Gut, er hat alles Recht, seinen eigenen Weg zu gehen. Dennoch gibt es so vieles, was er nicht kann und weiß. Doch das Recht, selbst zu bestimmen, gestehe ich ihm zu. Ich habe ihm jede Möglichkeit geboten. Von nun an geht er seinen Weg. In einer Zeit, in der wieder so viele sterben.


      Leon ist offenbar tot. Doch offenbar weiß niemand genaueres. Dann dieser Junge, der während des Chaos bei den Di Santis plötzlich nach draußen rannte und dann von Jasuh gefressen wurde. Niemand hat gesehen, ob es ihn endgültig erwischt hat. Bisher keine Spur von ihm.

      Fibi hat es nun also auch erwischt. Die Umstände dazu sind nicht ganz klar. War es Jaspers Meute, wobei zumindest einer im Nachhinein noch das Herz hatte und heimlich noch dieses Schild aufstellte und aufrichtig Abschied nahm? War es doch jemand anderes? Vielleicht sogar sie selbst? Wir wissen es nicht.


      Blood Moon Pack. So nennen sie sich nun. Sowohl verbal vor dem Castello angekündigt, als auch über diese bizarren Zettel. Davon kann man nun halten, was man will. Doch es macht mir Sorgen. Im Gespräch mit Ramona kam mir der Gedanke, dass bisher jede Person, die sich menschlich stark verändert hat, viel mit Splittern zu tun hatte. Conner vielleicht noch am wenigsten. Doch Nash und Liam unumstritten. Sie alle haben sich verändert. Und nun verhält sich Jasper so unerwartet. Keiner hätte ihm das zugetraut. Seine Freunde so hinter's Licht zu führen. Zu belügen. Ihnen zu drohen. Er hatte schon damals mit dem Schwert so wenig respekt vor hoher, beeinflussender Technologie. Ob auch hier wieder ein Splitter im Spiel ist? Im Idealfall macht das die anderen Mitgliedern zu Opfern und man könnte ihnen helfen. Das wäre eine Chance für sie. Aber so...


      Der Vorfall mit Jasuh bei den Di Santis. Wir haben ausgiebig darüber gesprochen. Auch der Umstand, dass es noch Menschen gibt, an die Jasuh sich noch wendet und die Einfluss auf ihn haben, macht die Situation nicht mehr so hoffnungslos. Das Problem war und ist also von einer anderen Seite ausgegangen. Wir müssen vorsichtig sein. Und wieder zeigen Menschen, dass man einander nicht wirklich vertrauen kann. Und so sehr alle das Dahinscheiden von Menschen bedauern, so sind es doch fast immer sie selbst, die das verursacht haben. Jeder Tod bedeutet ein Scheitern. Jeder. Auch ich habe vor kurzem wieder versagt. Ich darf nächstes Mal nicht zögern.


      Und dann dieses Ei. Als ich es sah, änderte es vieles schlagartig. Plötzlich ist man so klein. Ersetzbar. Ich werde mir genau überlegen, was ich damit mache.


      Das Buch wird sachte beiseite gelegt. Die Bewegung schmerzt. Vielleicht sollte er sich den oberflächlichen Schnitt nochmal ansehen. Oder daran gewöhnen. Es werden garantiert neue dazukommen. Aber ihm ist es das wert. Zumindest auf diese Weise kann er etwas zum Leben beitragen. Während andere es nur nehmen.



    • Total Recall, Charlie

      Wieder Geräusche draußen. War es ein Klopfen? Eine Stimme? Bin ich überhaupt wach, oder träume ich noch? Und war das letztens nicht Ammaniez, die meinen Namen rief? Nein, diesmal bin ich wach. Die Gedanken kreisen wieder so wild. Das tun sie im Traum nicht. Da steht die Tasse von diesem Tee, der plötzlich hier hineingelangt ist. Er ließ mich sofort schlafen. Doch nun wache ich. Am Liebsten würde ich mich wieder in den Traum flüchten. Doch ich habe keine Ahnung, wie viel Zeit genau vergangen ist.Ich muss nach meinen Zöglingen sehen. Nachdem ich mich sortiert habe. Wo war nochmal das Tagebuch?


      Seitdem ich hier bin, hatte nichts mehr geschmerzt. Sie hatte mir vertraut. Unser Bündnis sollte unser Überleben sichern. Gestorben sind wir beide. Nur dank meines Steines bin ich wieder hier. Doch den hatte Artemis nicht. Ich habe Fehlentscheidungen getroffen. Das darf niemals wieder passieren. Ein weiteres Versagen werde ich mir nicht mehr vergeben! Das Ausrufezeichen wurde klar viele Male nachgefahren.

      Noch nie haben so viele Wege an mir gerissen. Noch nie war die innere Unsicherheit so gewaltig. Ein Teil von mir möchte sich wieder im Bett vergraben. Der nächste möchte wieder den nächsten Schritt gehen. Ein anderer schreit nach einem Neuanfang. Es gibt sogar einen kleinen Teil, der nach dem endgültigen Ende schielt. Aufgabe ist ebenfalls für einen Teil von mir sehr verlockend. Ein Teil möchte sich meinen Freunden zuwenden, während ein anderer sich von Menschen distanzieren will. Was verdammt nochmal soll ich tun?

      Diese Insel...es war noch nie die Frage ob, sondern wann wir sterben. Doch nie hat einem das Leben es so deutlich gezeigt, wie hier. Verlust, wohin das Auge blickt. Jeden Tag. In jeder Form. Absolute Vergänglichkeit. Wir alle kämpfen. Wir alle verlieren. Niemand wird alt und glücklich sterben. Niemand wird all seine Ziele erreichen. Die Situation verbessern. Es ist ein Trugschluss. Den irgendwann schlägt Ragnarok zu. Und du beginnst von Vorne. Oder dein Erbe, in derselben Illusion gefangen.

      Dennoch...ich werde nicht aufgeben. Der Insel vergeblich trotzen. Meine Freunde so lange schützen, wie ich kann. Und falls möglich, meine Kreise weiter ziehen. Es wird Zeit, Charlie...steh auf, mach wieder einen Menschen aus dir, umarme deine Freunde und schau nach deinen Zöglingen.


      Nachtrag:

      Die Sankru...sie scheinen mir mehr und mehr Fluch und Segen zugleich zu sein. Für die Neulinge. Die Bedürftigen. Die Insel. Sich selbst. Doch ich fürchte, werden sie konsequent so weiter machen, wird es in Blut und Chaos enden. Ich bin sehr beunruhigt und dagegen. Und vielleicht ist das gut so. Somit bin ich der kritische Faktor, der hinterfragt und die Dinge anders sieht. Nur somit ist eine Reflexion möglich. Doch ich habe Vaan schon lange nicht mehr gesehen.


    • Charlies ziemlich beste Freunde

      Immer noch eine große innere Unruhe. Sicher, der Großteil des Tages hat ihn so erschöpfen lassen. Aber der letzte Tropfen kam doch von einem, den er einen Freund nennt. Es ist nicht schlimm. Nur ärgerlich. Charlie wird darüber stehen. Sein Verhalten anpassen. Und wieder weiter gehen.


      Gefühle auf Achterbahnfahrt. Krasse Gegensätze, die ich erfahre. Zum Einen die Überheblichkeit und Arroganz der Sankru, dann eine Wärme weniger wertvoller Freunde. Ein alter, verloren geglaubter Freund ist erst jüngst zurückgekehrt. So stand Yasko vor Eves Pferd, mit mir hinten drauf. Es ist, als ob nichts gewesen wäre. Er muss einen langen Weg auf sich genommen haben, um mich zu finden. Als wäre das selbstverständlich. Ich konnte mich ihm nähern, berühren, reiten. Ich führte die Jagd an, bestimmte die Beute. So weit war ich bei ihm vorher nicht. Oder ich hatte es nicht bemerkt, weil ich nie so darauf geachtet hatte. War er doch eigentlich Elois engster Partner. Doch bei ihr ist er nicht. Er reagierte nicht auf ihren Namen, noch wollte er mir etwas zeigen. Nur bei mir sein. Ob er sie gesucht hat? Wollte er vorrangig zu mir? Oder lebt sie vielleicht gar nicht mehr? Diese Gedanken befanden sich kurzzeitig in meinem Kopf, ehe ich sie verwarf und mich auf das entscheidende konzentrierte, nämlich meinen alten Freund willkommen zu heißen.

      Eve, bei der ich momentan situationsbedingt wohne, ist nicht nur eine freundliche Gastgeberin, sie hilft, wo sie kann. Ich hatte mit keinem anderen Menschen so viele Gespräche. Sie stand bei jeder Hilfe parat, wollte mich regelmäßig begleiten, kümmert sich um mein Wohlergehen. Vielleicht manchmal etwas zu sehr, so scheint sie wirklich zu glauben, ich würde ohne ihr ständiges nachfragen verhungern. Naja. Niemand ist perfekt. Ich glaube, sie sammelt so viele Leute, nämlich Ray, mich und bis vor kurzem auch Killian bei sich, um das traumatische Erlebnis mit dem Federraptorreiter zu kompensieren.

      Die Pest...sie scheint in die nächste Phase überzugehen. Die kranken Dodos sind zäher als zuvor. Noch immer kommen meine Zöglinge gut mit ihnen zurecht, haben sogar Spaß daran, diese kleinen aggressiven Tiere zu zerfetzen, bis ihre Teile nicht mehr zucken. Ich habe mich an dem Rezept versucht, welches die Sankrus nannten...nunja, vielmehr nannten sie bloß die Komponenten. Und tatsächlich kann ich Pfeile in diese Flüssigkeit tauchen und anzünden. Eve hat es sich dann von mir abgeschaut. Doch das Ergebnis ist enttäuschend. Wir haben so schnell wir konnten gemeinsam insgesamt neun Pfeile in dasselbe Tier verschossen, welches lichterloh brannte...und noch immer auf uns zulief. Sie sind sogar in der Lage, Holz zu zerbeißen und schafften es, einen Teil der Mauer so sehr zu beschädigen, dass sie einstürzte. Ein Eindringen ließ sich verhindern. Doch auf die Art kommen wir nicht weiter. Sie hackten ununterbrochen vor Eve und Arons Toren, sodass ich beschloss, mit Yasko im Eiltempo die Zöglinge in die Highlands zu bringen. Die beiden verstärkten indes ihre Mauer und hielten sie in Schach. Als ich zurück kam, konnte Eve zwei töten. 20 Pfeile und ein mehrfaches gegen die Holzbarrikade werfen waren für ein Tier notwendig. Das kann nicht funktionieren. Die Tiere erkranken schneller, als wir diese Waffen herstellen können. Die Zöglinge erledigten sie. Ich habe sie in Jaspers ehemaliger Höhle untergebracht. Sie werden erstmal in den Highlands bleiben und unsere einzige Antwort sein, bis wir aus dieser Sackgasse einen Weg gefunden haben. Meine Pfeile brennen nicht genug. Klar, kann es sein, wie Antonio sagt, dass ich das Verhältnis nicht optimal abgestimmt habe. Jedoch müsste eine Verbesserung eine um ein Vielfaches bessere Wirkung zeigen. Und ich bin kein Anfänger in solchen Sachen, auch wenn er so mit mir gesprochen hat.

      Das letzte was wir nun gebrauchen können, ist dass jeder sein eigenes Süppchen kocht. Und sich dann beschwert, wieso es bei den anderen eigentlich nicht so klappt, wie man sich das vorstellt. Wir müssen unser Wissen zusammentragen und zusammenarbeiten. Wenn jeder nur wild herumprobiert, so wie Antonio vorschlägt, verlieren wir viel Zeit. Wir bauen kein Castello, welches auch Jahre später noch vollendet werden kann, wir kämpfen gegen eine Bedrohung, die unsere Mauern einreißt. Wir brauchen einen gemeinsamen Plan. Aber sie verstehen es nicht. Nash...langsam verstehe ich, wieso du so viele für unwürdig erklärt hast. Wie sie denken...wie sie sind...ihre Laster...Deine Art zu denken ist falsch, Nash. Doch ich kann es verstehen.

      Wenn das so weitergeht, sperre ich mich vielleicht auch eines Tages in einen Raum ein, wie er, und plane irgendeinen Schwachsinn zusammen. Längst nicht mehr, um dieser Welt zu helfen. Sondern mir. War es bei dir so, Nash? Ich habe mich bereits distanziert...neue Aufgaben gesetzt, alte fallen gelassen. Ich bin glücklicher damit. Ich kann die Früchte meiner Arbeit sehen. Ich habe herausgefunden, dass sich die Allosaurier Population erholt hat. Sie jagen wieder erfolgreich in den Highlands. Von Jasuh keine Spur. Vielleicht von ihm auch nur ein Gourmet-Ausflug, so wie Barbas ihn ständig macht. Ich werde dran bleiben. Denn Verständnis ist meine Waffe. Mein Freund.