Ellas Gedanken

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    • Ellas Gedanken

      Mein Name ist Ella.

      Immernoch... Aber zu den gedanklichen Unterhaltung sind inzwischen auch echte hinzugekommen. Am Anfang versuchte ich, die Illusion aufrecht zu erhalten, als ich die Blicke dieses Wikingers auf mir spürte... Wenn es doch meine eigene Wahrheit ist!

      Es scheint ihn nicht sonderlich zu kümmern. Er sagt, er hält sich aus allem raus und macht augenscheinlich sein eigenes Ding. Hält sich Hühner und bastelt die meiste Zeit an irgendwelchen frühzeitlichen Sachen herum. Manchmal glaube ich fast er hat vergessen, dass ich auch noch dort hinten in einem abgelegenen Winkel der Höhle schlafe... Die letzten Stunden verbrachte ich in der Nähe seiner Hütte, kauerte mich neben eine Fackel die dort brannte um nicht zu erfrieren... Wahrscheinlich bräuchte ich auch eine richtige Behausung, aber wäre solch ein Bau nicht wie ein Eingeständnis? Ein Eingeständnis an eine neue Wahrheit?

      Wahrheiten... Zweimal nahm er mich mit in die Festung dieser Händler... Menschen, die ihr Wesen hinter einen Schild aus Worten verbergen, Masken tragen... Aber ich habe ihr wahres Gesicht gesehen, nichts als Lug und Trug und leere Worte... Und das einzige immer wieder genannte Argument war, dass ich neu bin und keine Ahnung habe. Dabei spielt es doch gar keine Rolle, ob man neu an einem Ort ist, um zu erkennen was richtig und was falsch ist!

      Vielleicht gibt es ja kein alt und neu? Aber es gibt Verhaltensmuster, welche im Menschen verwurzelt sind, schon immer für immer...

      Dort werde ich nicht mehr hin gehen. Wobei ich den Weg alleine sowieso nicht finden würde... Meine Welt ist eine Höhle, in welcher ein zu groß geratener Vogel mich ständig beäugt und wenn ich nicht aufpasse sogar attackiert. Ich vermute, er will mich nicht hier haben, hier in seinem Territorium... Wahrscheinlich hat er damit sogar recht, denn wie passe ich in diese Welt?

      Das einzige, womit ich mich in den letzten Tagen wirklich beschäftigt habe, war Farbe auf Grundlage verschiedener Beeren... Aber wer auch immer die Aussage tätigte, dass Beschäftigung Trübsinn abhält, der war ein Idiot!

      Vielleicht werde ich auch bald ein Vogel, immerhin esse ich seit Tagen nur Beeren... Die schwarzen mag ich besonders gerne... Ich muss bald wieder nach draußen, um die umliegenden Sträucher nach Beeren zu durchsuchen... Eigentlich war ich nie ein ängstlicher Mensch, aber hier ist es etwas anders...

      Der schwarze Drache, ihn würde ich gerne noch einmal sehen... So fasznierend...
    • Er atmet, also lebt er noch... Und ich habe ihn so gedreht, dass er nicht erstickt, falls er kotzt. Das wäre nicht unüblich nach solch einer Menge von Rauschbeeren... Ja, ich weiß was er da zusammen mixt... Einmal habe ich ihn dabei beobachtet, wie er seine Narkosemittel herstellt und die schwachen Dosen habe ich auch schon selbst getestet. Aber eine solch hohe Dosis?

      Mehr kannst du jetzt nicht tun, Ella!

      Abwarten also... Die Hühner, Eagle, Otti und die Lurche füttern, nach den Pflanzen gucken... Und nach Daniel gucken, wie das klingt... Beobachten hat er gesagt, alles versorgen und ihn beobachten und wenn er in einer Woche noch immer nicht erwacht ist, soll ich ihn töten. Ja, hier sagt man einfach mal "töte mich", weil man sowieso auf wundersame Weise durch Transfusion der Materie - oder wie auch immer man es nennen soll- wiederaufersteht! Hier braucht man keinen Trip, weil einfach alles ein fucking Trip ist!

      Sonne, Mond und Sterne ziehen so schnell, als wäre alle um einen im Vorspuhlmodus... Es ist bitterkalt, dann wieder unglaublich heiß und tropisch. Das Licht flimmert, oft scheint die ganze Atmosphäre in einen blendenten Mantel gehüllt... Und alles ist so wider dem Menschen! Und der Mensch IST auch fehl am Platz hier! Warum bin ich hier?

      Wie eine verlorene Feder... Nein! Fang nicht wieder an. Geh lieber schlafen, Ella...
    • Hey, das Resümee des Tages ist doch gar nicht so schlecht, Ella! Immerhin habe ich es nach zahlreichen Versuchen endlich geschafft, einen Fisch für Otti zu fangen. Etwas anderes scheint er leider nicht essen zu wollen. Zum Glück musste ich ihm den Fisch nicht auch noch auseinander nehmen, er hat ihn einfach am Stück weggefuttert... Auch alle anderen Aufgaben habe ich erledigt, mehr als gründlich sogar, nur um irgendwie die Zeit rum zu kriegen... Um mir selbst keine Zeit zum Grübeln zu geben...

      Trotzdem komme ich mir heute schrecklich schwach vor... Mehrfach wollte ich nach draußen gehen, ganze fünf Anläufe, nur um jedes Mal nach wenigen Metern wieder umzukehren... Weil immer direkt vor dem Eingang irgendwelche Kreaturen waren, welche doch nur darauf warten, mich zu fressen. Als würden sie vor einem Mauseloch auf ihre Beute warten... Scheiße... Mit dem verkackten Floß komme ich auch nicht zurecht, so dass ich auch diese Option aufgeben musste... Ich gebe mir höchstens noch zwei Tage, dann MUSS ich raus, sonst verhungere ich hier drinne...

      Hunger... Morgen früh muss ich gleich die letzten Beeren zerquetschen und irgendwie versuchen, sie Daniel zu verabreichen... Ist es gut oder schlecht, dass sein Zustand unverändert ist? Dass er schläft wie ein Toter?

      Ich ertappe mich dabei, wie ich mich davor fürchte, dass er nie mehr aufwacht. Weil ich mir der Abhängigkeit bewusst bin, in welcher ich mich befinde. Alleine bin ich nur Futter für sämtliche Kreaturen da draußen...
    • Scheiße. Alles tut so verdammt weh... Wie konnte ich nur so dumm sein, zu glauben dass ich es schaffe draußen nach Beeren zu suchen?! War doch sowieso klar, dass es schief geht! Dieses Etwas was mich einfach so angesprungen hat, kaum dass ich 10 Meter weit gekommen war... Und schwimmen konnte es auch noch und ein Blick nach hinten zeigte nur viele scharfe Zähne in einem aufgerissenen, vor Geifer triefenden Maul! Gerade noch rechtzeitig fiel mir ein, dass es ein Fehler wäre, das Tor zu öffnen, weil dieses Etwas schneller schwamm als ich. Deshalb drehte ich um und versuchte, mich irgendwo auf einen Felsen zu retten...

      Schlussendlich habe ich mich selbst geopfert, um diesen Kreaturen keinen Eintritt in Daniels Zuhause zu geben... Und ich erinnere mich an den Schmerz, als es sich in meiner Schulter verbiss und an mir riss... Ein Schmerz, der einem fast das Herz zerreißt... Und sogar jetzt, wo mein Körper scheinbar unversehrt "wiedergeboren" wurde, schaffe ich es nur mithilfe der Rauschbeerenmittel...

      Wieder warum bin ich hier? Was soll das alles?

      So ist es wohl, wie... über andere stellen... demütigend... Müde, endlich. Bloß nicht wieder diese Geräusche in der Nacht... Nicht...
    • Eigentlich war es schön, mal mit jemand anderem zu sprechen, als den Tieren. Aber es hat diesen Nachgeschmack von Unaufrichtigkeit hinterlassen... Als ob ich nicht erkennen könnte, wenn etwas als ein Vorwand genommen wird! Als ob ich nicht sehen könnte! Auch Auftreten und Verhalten ist eine Sprache... Und es ist schon fast zum Lachen, wenn einem für die Gastfreundschaft gedankt wird, die Gäste sich allerdings nicht mal an die Regeln der Höflichkeit halten... Ich bin weder taub, noch blind und schon gar nicht blöd...

      Nur Egoisten und Feiglinge geben sich selbst Chancen, welche sie anderen verwehren und richten, ohne selbst belangt zu werden! Fuck you Menschheit!

      Schade auch, dass diese Frau ihre Freundlichkeit nur als Maske trug...

      Es war sofort erkennbar, wer von den Gästen wo her kommt. Arme Welt... Herzlichen Glückwunsch zur Einführung des üblichen Kreislaufs, welcher undurchbrochen bleibt... Eigentlich mag ich gar nicht mehr drüber nachdenken. Zu viel ist in meinem Kopf... Zu viel...
    • Nun, der zweite Besuch war anders. Dieser Mann ist sehr interessant, scharfsinnig, anziehend... Er sagte, er will verstehen... Ich hätte ihm sagen können, dass Verstehen ein Abgrund ist, der sich von innen öffnet. Dass Verstehen nur Wut und Traurigkeit gebiert... Dass sich nichts ändert, solange Dummheit, Gleichgültigkeit, Gier und Machthunger in den Menschen wohnt... Nein, der Besuch war zu kurz, um genauer auf dieses Thema einzugehen. Trotzdem hat mich die Gesellschaft gefreut. Es tut gut, mit Lebewesen zu sprechen, welche einem in der selben Sprache antworten... Und diese Frau, welche mir wie eine Art Schülerin vorkommt, hatte dieses Mal wenigstens den Anstand, nicht die Augen zu verdrehen oder einfach uneingeladen in fremde Häuser zu spazieren...

      Noch immer bleibt die Frage, wer am Tag zuvor am Tor war. Sie sagten, sie waren es nicht... Wenn Nimue nicht gewesen wäre, hätte ich vielleicht sogar nachgesehen... Dieses Krachen, wie wenn etwas sehr großes gegen das Holz schlägt... Er sagte, Nimue stehe ganz unten in der Nahrungskette. So wie ich... Aber ich habe es einen weiteren Tag geschafft, dass wir alle hier drinne leben. Die gepflanzten Büsche tragen Früchte, nicht viele, aber gerade genug und ich selbst brauche nicht viel, das Kauen der Rauschbeeren bremst den Hunger...

      Ich erinnere mich, dass es Ameisen gibt, welche sich andere Ameisen als Sklaven halten und dass diese Sklaven sich manchmal auflehnen, ihre Peiniger töten, obwohl sie wissen, dass es ihr eigener Tod sein wird. Denn diese Sklaven können ohne ihre Herren nicht leben, weil sie keinen eigenen Stamm haben. Sie erringen ihre Freiheit und sterben kurz darauf...

      Keine Ahnung, wie ich jetzt darauf komme.

      Gedanken sind doch wie lose Blätter...
    • Es wird immer ermüdender, die ganze Zeit alleine mit den Tieren zu sein. Als ob ich verstumme... Daniels Zustand ist unverändert. "Töte mich nach einer Woche" hatte er gesagt... Töten... Nein, ich warte noch! Vielleicht wacht er ja bald auf! Sieben, acht, neun... Auf ein paar Tage mehr kommt es doch auch nicht mehr an, oder?

      Vielleicht wäre es gut, wenn wir eine Art Gegenmittel für solche Fälle hätten... Ich weiß schon, wie das gehen könnte. Nur noch die verschiedenen Dosen im Verhältnis testen... Aber erst, wenn Daniel wieder wach ist...

      Sieben, acht, neun... Acht oder neun? Mein Zeitgefühl ist gleich null, ich bin mir nicht sicher... Im Grunde ist es schön, wenn Zeit nicht gemessen werden muss...
    • Manchmal bin ich mir unsicher, ich muss wohl gerade heraus fragen... Daniel ist auf meine Forderungen eingegangen... Zugegebenermaßen war es von Vorteil, dass er da gerade erst erwacht war, noch immer benommen von dem Rauschmittel. Das ich diese Sache in Wir Form vortrug, schien ihn zu belustigen und er sagte, dass ich weiter für die Vegetarier in der Höhle verantwortlich bin. Dies wiederum ist bedeutend einfacher, nun wo ich endlich wieder nach draußen kann um Beeren zu sammeln. Wobei sich auch hier etwas verändert hat und ich frage mich, was Eagle darüber denkt, wenn er sich mit Daniel auf seinem Rücken in die Luft erhebt...

      Alles ist so... so pur... Keine Zivilisation, keine Zerstörung, keine Ausbeutung... Und leer an Menschen, wie Daniel erwähnte. Genau das ist wohl ein Segen für diese Welt... Bei diesem Gespräch dachte ich an den Besucher, welcher ein Suchender ist, an seine Worte und wir, die wir irgendwie in diese Sphäre geschleudert werden, müssen wahrlich wie dumme Trampeltiere wirken... Wir sind wie die Spanier, als sie in Südamerika angelangten... Kreislauf, alles ist ein Kreislauf... Sind diese Ruinen auch Überreste irgendwelcher Eroberer? Wahrscheinlich werde ich das nie erfahren, aber ist auch egal...

      Jetzt bin ich nun mal hier, ohne Erklärungen für das warum und wahrscheinlich auch sinn- und nutzlos... Heimweh verspüre ich nicht, eben weil dieses Land hier so viel schöner ist in seiner menschenleeren Reinheit. Trotzdem fehlen mir Dinge, bzw. nicht greifbare, nicht namentlich benennbare Faktoren...
    • Es wird einfach nicht besser, seit Tagen habe ich das Gefühl, es zieht mich immer weiter runter... Habe ich eine Depression, wie Daniel meint? Der Versuch, ihm zu erklären, wie ich mich fühle, wie es mir geht, war irgendwie kläglich... Er sagte, ich könne hier alle Ziele verfolgen, die ich habe und versteht nicht, dass ich keine Ziele habe. Mir fehlt ein Sinn in diesem Dasein... Ja, es ist wie er sagt, dass ich nicht alleine bin, dass er da ist und die Tiere und trotzdem fühle ich mich einsam... Und ja, ich spreche mit Nimue und obwohl sie scheinbar zuhört, wird sie mir doch nie antworten können...

      So bin ich also nichts als die Ziehmutter eines Huhns, welches doch seine Hühnerfamilie hat, längst nicht mehr so anhänglich wie in den ersten Tagen... Ich erwache, füttere die Hühner und die Lurche, versuche diesem armseligen Gartenbeeten etwas abzuringen, zwinge mich dazu, ein paar Beeren zu essen und dann ist der Tag noch nicht einmal zur Hälfte rum... Während Daniel immerzu irgendetwas bastelt oder baut, schwimme ich in meinen Gedanken und finde ohne die Rauschbeeren nicht mal in den Schlaf...

      Andere Menschen habe ich lange nicht gesehen... Das Versprechen des Suchenden wurde nicht eingehalten, es kam kein Besucher... Der Mann mit der Katze ist niemals aufgetaucht, obwohl er vor Wochen sagte, er kommt vorbei... Vielleicht verblassen die Wesen meiner Gedanken, lösen sich auf und verschwinden wie eine Atemwolke im Winter?

      Bin ich nur eine Spiegelung irrationaler Gedanken?
    • Ja es hat gut getan, endlich wieder andere Menschen zu treffen, Ablenkung in Unterhaltungen zu finden... Die Gastgeber waren sehr freundlich und es ist schön, nun einen Ort zu kennen, wo man hingehen kann... Es hat sich also gelohnt, meiner Höhenangst zum Trotz von Eagle getragen dort hin zu fliegen. Auch wenn mir noch immer schlecht ist und sich das Zittern meiner Beine kaum unter Kontrolle kriegen lässt und das, obwohl ich die ganze Zeit des Fluges über meine Augen fest verschlossen hielt, war es gut... Dieser Tristheit, zähflüssigen Zeit, zu entrinnen...

      Nach der langen Zeit, welche ich alleine oder nur mit den sehr ruhigen Unterhaltungen mit Daniel verbrachte, war das Gespräch mit den anderen Leuten fast schon laut, wirbelte durch meinen Kopf - Staub auffächernde Wortflut- und zog an meiner Konzentration... Vieles verstand ich nicht, Namen und Orte, welche mir nichts sagen, aber das macht nichts. Manche Themen stimmten mich traurig und wütend, aber das waren zum Glück nicht die Empfindungen, die überwogen. Seltsam, dass er anfing, von einem Sinn im Leben zu sprechen... Kann es sein, dass ich manchmal laut spreche, wenn ich eigentlich nur denken will?

      Ich weiß es nicht...

      Dann tauchte dort noch der Mann auf, von welchem ich gehofft hatte, er würde nach seinem Besuch vor etwa zwei Wochen noch einmal vorbei kommen. Es freute mich sehr, ihn wiederzusehen, auch wenn er nicht mit mir sprach, sondern auf meine Begrüßung hin nur leicht nickte... Also freute ich mich und war gleichzeitig etwas enttäuscht... Hatte der Suchende damals nicht gesagt, ich müsse mich unbedingt mit ihm unterhalten? Habe ich wieder etwas falsch verstanden? Oder haben die anderen recht damit, dass alles nur eine Show ist, um einen zu täuschen? Und warum betrübt mich das so?
    • Ich falle und falle... Rudere mit Armen und Beinen durch die Luft... Ich falle und falle... Kein Halt, nichts... Mein Körper dreht sich wie in einem Strudel, Wolken über mir, die Luft zischt und zerrt während ich falle... Ich fühle den Sog, der Boden kommt näher, was eben noch winzig klein schien, wird zu Konturen, zu Felsen, zu Bäumen... Ich schreie, aber da ist nichts, nichts was meinen Fall aufhalten könnte... Immer schneller, immer näher kommt der Boden... Gleich wird mein Körper aufprallen... Nein!

      In der stillen Dunkelheit nach dem Zerschellen, aus diesem Absturz vom Himmel, regt sich mein Geist aus einer zähen Masse, schälen sich Bilder aus dem Nichts... Ich sehe mich selbst... Ellas grotesk verdrehter Körper erhebt sich vom Boden, wird in die Luft gehoben, höher und höher, zurück gespuhlt, bis er wieder in Eagles Klauen hängt... Sie fliegen rückwärst, neben den Wolken, weit über der Erde, hoch über den Bergen... Die Bilder verschwimmen... Ellas Hand schiebt einen Vorhang aus Efeu beiseite, ihre Füße treten auf Stein, ihr Blick fällt auf die blutüberströmte Leiche vor ihr, hebt sich voller Schrecken und trifft auf den nächsten Toten... Bilder brennen sich ein... Diese Körper, grausige Fleischmasse... Nein!

      Dann erwachte ich mit einen Schrei auf den Lippen... Jede Bewegung ein brennender Schmerz, aber augenscheinlich wurde wieder alles zusammengefügt... Unter Aufwendung großer Willenskraft nur schaffte ich die kurze Distanz bis zu den Tränken und Salben... Zusammengekauert, bis das Rauschmittel endlich Wirkung zeigte und der Schmerz nachließ... Versuche, die Bilder zu verscheuchen... Will nicht wieder fallen und am Boden zerschellen, will mich nicht daran erinnern... Und auch nicht die Bilder der Toten, die mich im Schlaf heimsuchen, seit wir sie vor zwei Tagen in diesen Ruinen fanden... So viel schlimmer als die Erinnerung daran, wie mich ein paar Tage zuvor diese rießige Katze anfiel und zerfleischte... Wird mein Körper jemals wieder ohne Schmerz sein?

      Ich versuche, mich auf andere Dinge zu konzentrieren... Nimue antwortet mir mit diesem flötenden Singsang gutturaler Laute... Freude, was ist Freude? War es Freude, Nimue aus dem Ei schlüpfen zu sehen? Der einzige Moment in dieser Welt, der vielleicht Freude war... Daniel hat Unrecht! Und nicht nur damit! Für ihn ist alles einfach, entspannend sogar und er will nicht hören, dass ich sage, er belügt sich selbst... Unsere Meinungen gehen auseinander, immer öfters macht er mich wütend... Dabei schulde ich ihm so viel und will ihm nicht zürnen. Immerhin versucht er, mir zu helfen... Aber oft versteht er mich einfach nicht...

      Er sagte, ich sei ein guter Mensch, weil ich den Tieren helfe... Aber ist dies im Grunde nicht auch wieder ein sinnloses Unterfangen? Werden die, die wir retteten, unterwegs da draußen in der Welt nicht bei nächster Gelegenheit trotzdem sterben? Lebt der Vogel noch, den wir vor dem Ertrinken retteten, oder fand er den Tod durch Fleischfresser an dem Strand, wo wir ihn absetzten? Lebt das Mammut noch, dessen Angreifer unter Eagles Klauen fielen, oder wurde es inzwischen erneut angefallen und verendete langsam, blutend im Schnee? So wie überall Gebeine liegen, leere Hüllen und Ruinen... So wie auch die Häuser still verlassen liegen, die wir finden... Kalte Spuren anderer Menschen... In der Wüste, wie auch im Eis... In den Hochlanden und in den Wäldern... Am Meer, an Flüssen und Seen... Stille...

      Selbst die Gedanken sind still, Bilder und Worte ohne Ton...
    • Ja es geht mir besser. Langsam, Tag für Tag schäle ich mich aus dem Trübsinn... Ich glaube nicht, dass dies allein Charlies Medizin zu verdanken ist, aber mit Sicherheit hat sie Anteil daran. Ebenso ist es gut, endlich wieder öfters andere Leute zu sprechen. Ob Daniel und ich unter einem Fluch leiden? Dort, wo wir sonst nie Menschen treffen, fanden wir nun mit Charlie zusammen gleich eine ganze Menschenansammlung. So viele Stimmen auf einem Haufen! Ich weiß nicht mehr, wann ich das letzte Mal so viele Leute zugleich gesehen habe... Totale Reizüberflutung... Ein bekanntes Gesicht darunter, nein eigentlich zwei, wenn ich Jaru dazu zähle... Warum hat Jasper vergessen, dass er uns nie sagte, wo er genau wohnt? Und warum sagte er, dass Daniel und ich nur in unserer Höhle sitzen? Wäre er, wie vor Wochen ausgesprochen, nochmal vorbei gekommen, dann hätte er festgestellt dass wir genauso oft draußen unterwegs sind... Mehr Unterhaltung kam eigentlich nicht zustande, aber immerhin wissen wir nun, wo sie wohnen...

      Was mir auch richtig gut tat, waren die Stunden in welchen wir die Biber beobachteten. Diese possierlichen Tiere, welche an Land so gemächlich daherkommen, vollkommen unerschrocken, nur wenig misstrauisch, ja sich sogar dabei beobachten lassen, wie sie schnarchend in der Sonne dösen... Und im Wasser dann! Meisterhafte Schwimmer, entgegen ihrer Trägheit an Land gleiten sie hier schwerelos und pfeilschnell, richtig anmutig dahin. Ich hätte ewig dort bleiben und mit ihnen tauchen können... Es war beruhigend, friedlich, schön... So gegensätzlich zu den meisten Ausflügen, wo immerzu irgendein Wesen kommt, welches seine Zähne in mich schlagen will, weil ich nun mal am untersten Ende der Nahrungskette stehe hier... Erst vor ein paar Stunden wurde ich wieder windelweich geprügelt und zerkratzt von einer Art Geier, der sich ganz plötzlich aus dem Nichts von oben herab auf mich stürzte und wenn Daniel nicht gewesen wäre, hätte ich schon wieder diese Trasformation des Körpers durchlebt... Gut auch, dass ich nun weiß, wie ich einen Heiltrank für kleinere Wunden und Blessuren herstellen kann...

      Man sollte meinen, ich sei inzwischen daran gewöhnt, fast täglich zu "sterben", aber so ist es nicht. Eher fürchte ich mich noch mehr davor... Ich will nicht zerrissen und gefressen werden, will keine Schmerzen mehr...
    • Schon wieder... Schon wieder schreit mein Körper vor Schmerz, brennt an unzähligen Stellen wie Feuer, dort wo scharfe Zähne sich in mein Fleisch bohrten... Ich habe bemerkt, dass mein Speichel schwarz ist, vielleicht auch meine Zähne? Aber ohne die Rauschbeeren könnte ich mich keinen Zentimeter mehr bewegen... Warum bin ich hier, wenn doch fast jeder Schritt in Tod und Wiedergeburt endet?! Ich habe Daniel die Wahrheit gesagt, nämlich dass ich ohne ihn überhaupt nichts mehr machen müsste, weil ich sowieso alle paar Minuten getötet werden würde! Mein "Leben" wäre erwachen, sterben, erwachen, sterben, erwachen...

      Ich kann ihm und Eagle keinen Vorwurf machen... Es wäre falsch zu erwarten, dass der Vogel uns beide ohne Probleme stundenlang umherfliegt. Nun, dass ich dann gestern ausgerechnet inmitten einer Horde Wildschweine und -hunde unsanft auf den Boden purzel, ist wohl mein ganz spezielles eigenes Talent... Mein Versuch, weg zu laufen nur eine Verzögerung des Unvermeidlichen, denn natürlich kreisten sie mich ein... Später war ich froh zu hören, dass den anderen nichts passiert war. Aber die Furcht ist groß und wird immer lauter in mir...

      Jetzt sitze ich hier umgeben von Dunkelheit, die Stille nur unterbrochen von Nimues Zwitschern und Gurren... Der heutige Tag war seltsam, beherrscht von verwirrenden Fragen und meist verstehe ich nicht, was Daniel ernst meint oder eben nicht... Er amüsiert sich oft auf meine Kosten und ständig stoßen wir auf Meinungsverschiedenheiten. Wobei meine Meinung nur selten eine Rolle spielt, so wie er heute festgelegt hat, was er mir beibringen wird, ohne mich überhaupt zu fragen... Als ob das etwas bringen würde...

      Dann die neue Kleidung, die er mir gab, nachdem ich gestern die guten Ledersachen verloren hatte... Auch hier zweifle ich daran, dass mir das großartig nutzen wird. Wenn man so tut, als sei man jemand, der man nicht ist, dann belügt man sich nur selbst...
    • Neu

      Den Garten pflegen... Beeren ernten... Den Lurch und die Hühner füttern... Nach Eiern suchen... Beeren verarbeiten... Tränke und Pasten mischen... Mit Nimue spazieren gehen... Und neu: Blumen pflücken, Blumensamen ankeimen, Pflanzsäckchen aus Fasern flechten und diese mit Komposterde füllen, bevor sie bepflanzt an ihren Bestimmungsort gebracht werden. Unter Nimues wachsamer Aufsicht Beeren zerquetschen und versuchen, den Patienten mit diesen zu füttern... Versuchen, aus Nimues Kommentaren schlau zu werden, während wir gemeinsam dieses große Insekt beobachten...

      Leben und Sterben und etwas dazwischen... Am selben Tag, an dem Otti aus für uns unerfindlichen Gründen starb, trieb sie leblos vor dem Tor... Ich hielt sie erst für tot, doch dann bewegte sich einer ihrer Fühler, also nahm ich sie mit hinein... Keine offensichtlichen Verletzungen, sie schien entkräftet, matt und ihre Flügel schleiften schlaff über den Boden. Mir schien, sie war beinahe ertrunken und ohne Energie... Völlig regungslos lag sie in den ersten Stunden am Boden, dann begann sie ihre Fühler zu bewegen und tastete mit ihrem Saugrüssel über die Blüten, welche ich vor ihr abgelegt hatte... Inzwischen habe ich beobachtet, wie sie aus den Blütenkelchen und vom Beerensaft trank und auch etwas an dem Heiltrank nippte, den ich bereit gestellt hatte. Es kam etwas Leben zurück in ihren Körper, aber dennoch rührte sie sich bisher nicht von der Stelle, an die ich sie gebracht hatte...

      Wie gelangte sie hier her? So fernab ihres natürlichen Lebensraumes... Wurde sie von einem Sturm erfasst und davon getrieben? Oder war sie auf der Flucht vor etwas und entfernte sich zu weit von ihrem Zuhause, bis sie sich vollends verflogen hatte? Irgendwann trudelte sie wohl entkräftet hinab, fiel ins Wasser und trieb dort umher, bis ich sie fand... Es wäre gut gewesen, wenn diese Ärztin Charlies Bitte folgend hier her gekommen wäre, denn dann hätte ich sie fragen können, was ich noch tun kann... Aber dazu kam es nicht... Seltsamerweise war es auch der gleiche Tag, an dem Elois aus ihrem Ohnmacht gleichen, mehrtägigen Schlaf erwachte und die beiden sind nun wieder fort... Oder eher gesagt die vier, denn Artemis und Yasko gehören ja auch dazu... Artemis... Was für ein lieber Vogel...

      Wenn meine Konzentration nicht gerade voll auf meine Aufgaben gelenkt ist, schweifen meine Gedanken zu den Texten der Bücher, die ich gelesen habe... Dune, Tocoatla, Centra... Drachenreiter, Drachenkriege, Drachenpest... Artefakte... Ragnarok, die Zusammenkunft... Die großen Vier... Frieden, Rebellion und Gewalt... Cleanout... Das gelesene gibt mir mehr Fragen, als Antworten... Wer gibt mir Antworten?
    • Neu

      Ich bin schläfrig und mein Körper fühlt sich taub an... Was ist passiert, bevor ich wieder erwachte? Ich erinnere mich an Schnee, an plötzliche Kälte... Schlaf, Dunkelheit... Daniel ist es genauso ergangen und auch er weiß nicht, was los war... Haben wir uns noch mit Charlie und Artemis getroffen, oder nicht? Ich bin mir nicht sicher... Habe ich heute schon Rauschbeeren gegessen? Ich weiß es nicht...

      Der Tag begann wie immer, der übliche Rundgang zwischen Garten und Tieren, dann kamen Charlie und Artemis zu Besuch und wir unterhielten uns eine Weile über die Dinge, welche ich in den Büchern gelesen hatte, aber auch über den Tag zuvor, als die beiden anderen Männer hier gewesen waren... Daniel schien geistig abwesend, wie so oft in letzter Zeit. Er spricht immer weniger mit mir, meist weiß ich weder was er tut, noch warum er es tut... Ich glaube, wenn ich ihn nicht aufsuchen würde, würden wir uns nicht einmal sehen, obwohl wir doch beide in dieser Höhle wohnen... Charlie sprach von Freundschaft... Was ist die Definition? Was bin ich? Eine Besucherin oder eine Mitbewohnerin? Eine Last? Daniel gibt nichts darüber preis... Er, der einst sagte, ich müsse offener werden, igelt sich selbst immer mehr ein...

      Wege... Ja, überall und immer gibt es viele Wege. Aber diese zeigen sich doch erst auf, wenn man überhaupt ein Ziel hat... Was tut man sonst? Einen unendlichen Weg gehen?