Bewerbung für den Char: Artjom

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    • Bewerbung für den Char: Artjom

      [b][u]Charkterdaten:[/u][/b]
      Name: Artjom
      Alter: 19
      Beruf: -- (Weisenjunge > Schüler > Krieg)
      Herkunft: [Wurzeln: Russlan] [Kindheit: Deutschland] [Erwachsen: Syrien]
      Augenfarbe: blau
      Haarfarbe: schwarz
      Größe: "groß"

      [b][u]Hintergrundgeschichte:[/u][/b]
      (Da das Forum die Formatierung der Geschichte etwas zerlegt, und die Bewerbung zu lang ist, hier ein Google Docs link: https://docs.google.com/document/d/1QFg4eknUxsOsZF9b0sVUSv_E_AO6VrocJRnsWZANqoc/edit?usp=sharing )
    • Die Nacht, in der Galina und Sergej flohen, war eine mondlose, kalte Nacht. Aus der Ferne war Lachen zu hören, ein Lachen von jemandem der ein glückliches Leben führte, ein Leben, was die Geschwister in Russland niemals hätten führen können und sich doch so sehr wünschten.
      Sergej hatte alles für die Flucht nach Deutschland vorbereitet; eine Heiratsurkunde, andere Ausweise, ja sogar etwas Geld, damit sie es nicht so schwer haben würden.
      Vor dem Gebüsch, in dem die beiden auf den rechten Augenblick warteten, schritt ein bewaffneter Grenzsoldat auf und ab. Galina zitterte vor Angst, doch es war klar, dass es keinen anderen Ausweg mehr gab, nicht jetzt, wo die beiden doch ein Kind erwarteten.
      Galina versuchte ruhig zu atmen, aber das Kind in ihr trat immer und immer wieder gegen ihren Bauch. Tief im Innern wusste sie, dass ihr Kind spürte, dass irgendetwas nicht stimmte.
      Die Schritte des Soldaten verstummten jäh; nun war der rechte Zeitpunkt gekommen, um in die Freiheit zu fliehen. Doch als Galina aufblickte, sah sie in das Gesicht des Soldaten. Sie schrie vor Angst auf und rannte los, immer geradeaus in Richtung Finnland, hinein in den dunklen Wald, einzig darauf bedacht, ihren Sohn zu retten. Hinter ihr fielen Schüsse von denen einer ihren Arm traf. Gelähmt vor Schmerzen, fiel sie auf den Boden. Sie hatte erwartet, dass nun die Soldaten kämen, doch als sie aufblickte, bemerkte sie, dass sie in Finnland war. Erleichtert setzte sie sich auf und schaute sich nach Sergej um. Er lag auf der anderen Seite der Grenze blutend auf dem Waldboden. Seine Brust hob und senkte sich noch ein paar Mal, bevor seine Atmung verstummte.
      Weinend vor Schmerzen sank Galina auf dem Boden zurück und schloss ihre blauen Augen, in der Gewissheit, sie würde sie nie wieder öffnen.
      Im blassen Licht der Sterne sahen zwei Jäger eine Frau auf dem Waldboden liegen. Sie war sehr jung und hübsch, hatte lange, hellbraune Haare, in denen sich Blätter und Erde verfangen hatten. Sie trug ein blaues Kleid, was an ihrer linken Seite voller Blut war. Eigentlich wollten die Jäger sie liegenlassen, aus Furcht, sie könnte eine Abhängige sein, doch als sie sahen, dass sie schwanger war, hoben sie sie hoch und trugen sie nach Hause. Sie reinigten ihre Wunde und legten sie in ein Bett.
      Als Galina wieder erwachte, gaben sie ihr Essen und Wasser, fragten sie, ob sie hier irgendwo lebe, doch Galina konnte nicht antworten. Sie hatte sich so sehr gewünscht, in der Nacht noch zu sterben, nicht, weil sie nicht wollte, dass ihr Sohn lebt, sondern, weil sie nicht in einer Welt ohne Sergej leben konnte.
      Als die beiden Jäger wieder in den Wald gingen, lief Galina, immer an Deutschland denkend, fort.
      Die schwache Frau fiel immer und immer wieder zu Boden, sodass in ihre Wunde Dreck kam, den dieses Mal niemand entfernte. Als sie beinahe an der Ostsee angelangt war, bemerkte sie, dass sich ihr Arm entzündet hatte, doch entgegen aller Vernunft stieg sie trotzdem auf ein Schiff nach Deutschland.
      Doch nach einiger Zeit verlor Galina wieder ihr Bewusstsein und als man sie endlich fand, war das Schiffin Deutschland angekommen und jede Hoffnung für sie verloren.
      Sie kam in ein Krankenhaus in dem die Ärzte erstaunt waren, dass sie noch lebte. Sie beschlossen, das Kind noch in dieser verregneten Novembernacht zu holen, um wenigstens dafür zu sorgen, dass Galinas Sohn überlebte.
      Sie erwachte noch ein einziges Mal, lächelte ihren Sohn an und sagte, er solle Artjom heißen. Sie ließ ihren Blick nicht von ihm ab, nicht einmal indem Moment, in dem sie ihre Augen weit aufriss und ihr Herz aufhörte zu schlagen. Es war zu spät gewesen, die Sepsis zu behandeln, zu spät, um ihr Leben zu retten.
      Das Lächeln meiner Mutter war das einzige, was mir von ihr Blieb. Es gibt keine Fotos von ihr und meinem Vater, keine Namen, keine Verwandten, nach denen man hätte suchen können. Nur dieses eine verschwommene Bild in meinem Kopf, von dem ich nie wusste, ob es der Wahrheit entsprach.
      Sieben lange Jahre meines Lebens verbrachte ich im Waisenhaus, sieben ungewisse, leidvolle Jahre. Ich war niemals jemand gewesen, hatte keine Freunde und sprach zu selten, als dass mich jemand hätte zum Freund haben wollen. Ich war ein niemand und kam nirgendwo her. Viele Familien waren schon im Waisenhaus gewesen, um sich die Kinder anzuschauen, doch nie hatte jemand mich gewollt. Doch an diesem einen Tag kam eine andere Familie. In dem Moment, als ich die beiden Menschen erblickte, wusste ich, das waren meine Eltern. Ich war nie laut gewesen, hatte mich nie bemerkbar gemacht, doch in diesem einen Moment tat ich es.
      Und so lernte ich meine Eltern kennen. Sie nahmen mich mit in ihr Heimatland nach Syrien. Für mich war es nicht schlimm Deutschland zu verlassen, denn ich hatte keinen Bezug zu diesem Land. Wichtig war es mir nun eine Familie zu haben.
      Bei meinen Eltern fühlte ich mich zum ersten Mal in meinem Leben lebendig, zum ersten Mal gewollt.
      Ich hatte nun zwei Schwestern und die Hundezucht meiner Eltern. Im Waisenhaus hatte ich nie etwas mit Tieren zu tun gehabt und so fürchtete ich mich zuerst. Langsam aber begriff ich, wie liebevoll und treu Hunde waren und so verbrachte ich jede freie Minute bei ihnen.
      Natürlich ging ich auch in die Schule, eine deutschsprachige Schule, nach den ersten vier Jahren sogar gerne. Ich war sehr gut in Mathe und Biologie und war sogar recht beliebt. Und trotzdem blieben die Hunde die einzigen, denen ich wirklich vertraute, mit denen ich am meisten Zeit verbrachte. Besonders gerne ging ich mit Nightingale spazieren. Sie war mein Leben, alles was mir jemals wichtig war, sie war der Grund, jeden Morgen aufzustehen.
      Meine Eltern brachten mir alles über die Pflege und Zucht von Hunden bei, sodass ich später einmal die Zucht übernehmen könnte. Das war mein größter Traum, doch vorher wollte ich Mathe oder Tiermedizin studieren. Ich freute mich so sehr auf mein Leben.
      Doch an nur einem einzigen Tag, innerhalb von Sekunden, änderte sich mein ganzes Leben. Ich saß mit meinen Eltern und meinen Schwestern in der Küche, wo wir uns jeden Nachmittag einfanden, um gemeinsam Tee zu trinken.
      Wie so oft stritten Amelie und Inga darum, wer den letzten Keks bekommen sollte und wie so oft, versuchte meine Mama herauszufinden, wer von beiden schon mehr Kekse gegessen hatte. Ich lachte über die drei und es schien mir, als ob es nichts Schöneres auf der Welt gäbe; außer natürlich meine Hunde.
      Über unserem Haus surrten Motoren von Drohnen, kaum hörbar im Geschrei meiner Schwestern. Papa ging zum Fenster, blickte nach draußen und drehte sich langsam wieder um, die Augen vor Schreck geweitet. Er sagte uns, wir sollen die Hunde reinholen und uns mit ihnen im Keller verstecken. Er und Mama wollten oben bleiben, um uns zu beschützen. Schon lange war die politische Situation im Land angespannt. Eskalierte es jetzt? „Wir lieben euch“ war das letzte, was die beiden sagten, bevor wir mit den Hunden die steile Kellertreppe hinabstiegen. Es war kalt und dunkel und wir fürchteten uns sehr. Was war nur geschehen? Ich blickte auf mein Handy, aber hier unten hatte ich kein Netz und so konnte ich niemanden um Hilfe bitten.
      Ein paar Stunden später- es kam mir vor wie eine Ewigkeit- stieg ich leise die Kellertreppe hinauf, um nach meinen Eltern zu sehen.
      Als ich die Küche betrat, lagen die beiden Hand in Hand in einer Blutlache am Boden und wären sie nicht tot gewesen, hätte es ein schönes Bild sein können. Statt irgendetwas zu tun, irgendwen anzurufen, sank ich neben meinen Eltern zu Boden und weinte. Ich war so einsam, so verloren. Wie sollte ich denn alleine unserer Hundezucht weiterführen? Wie sollte ich mich nur um meine Schwestern kümmern? Außer unseren Eltern hatten wir niemanden, zu dem wir hätten gehen können. Niemanden, der uns hätte haben wollen. Wir waren keine schwierigen Kinder, wir waren nur auch nicht ganz einfach. Meine Schwestern litten beide an Autismus und ich hatte meine schwierige Vergangenheit, mit der ich leben musste. Mir gelang das zwar sehr gut und ich hätte vielleicht woanders hingehen können, aber für mich kam es nicht in Frage, meine Schwestern alleine zu lassen.
      Nach einigen Stunden, in denen ich geschlafen haben musste, ging ich runter in den Keller zu meinen Schwestern, um ihnen irgendwie von Mama und Papa zu erzählen, auch wenn ich nicht recht wusste, was ich sagen sollte.
      Die Hunde saßen dort, doch von Inga und Amelie fehlte jede Spur. Waren sie weggelaufen? Aber warum sollten sie? Ich konnte mir keinen Grund vorstellen, warum die beiden hätten verschwinden sollen, nur einen- Aber nein, das war nicht möglich!
      Ich zog langsam mein Handy aus der Tasche, um bei meinen Nachbarn anzurufen, doch bevor ich auch nur die Nummer wählen konnte, fiel mein Blick auf eine Kurznachricht, die mein Handy oben geladen hatte. Mein Atem stockte, als ich die Überschrift las: Amerika greift in Syrien aktiv in politische Konflikte ein. In anderen Worten: „Amerika bekämpft den IS ohne Rücksicht auf die Syrische Bevölkerung zu nehmen.“ Starr vor Entsetzen blieb mein Blick an dieser Nachricht hängen. Krieg? Ein Krieg unter dem natürlich die Bevölkerung leidet?
      Papa hatte hier unten seinen Waffenschrank und obwohl ich keine Ahnung von Waffen hatte, öffnete ich den Schrank und nahm seine Pistole heraus, um im Ernstfall meine Hunde schützen zu können. Sie waren alles, was mir geblieben war, alles, was ich noch beschützen konnte. Ich wusste, dass weder meine Eltern, noch meine Schwestern zurückkommen würden.
    • Über mir hörte ich hastige Schritte. Leise stieg ich die Treppe rauf und sah einige Soldaten. Sie trugen mir unbekannte Uniformen und so beschloss ich, zu schießen. Ich hatte keine Ahnung, was ich tat und ehe ich auch nur wusste, dass ich wirklich schoss, fielen die drei Männer tot zu Boden. Was hatte ich nur getan? Was hatte ich nur getan? Ich schrie vor Angst, vor Schmerz, vor Schuld. Doch was geschehen war, konnte ich nicht ändern und so machte ich den Hunden etwas zu Essen und brachte ihnen Wasser.
      Nightingale kam zu mir und legte ihren Kopf auf meine Beine. Sie streichelnd schlief ich langsam ein, immer noch die Bilder der Toten Körper in meinem Kopf sehend. Wie konnte ein so schönes Leben nur so schnell so schrecklich werden?
      Die Jahre verstrichen, doch der Krieg tobte weiter. Ich weiß nicht, wie ich und die Hunde so lange hatten überleben können, aber es konnte nur Zufall sein. Um uns herum starben so viele Leute, so viele Leute, die ich beinahe mein ganzes Leben gekannt hatte. Und mit jedem Tag, den ich lebte, fühlte ich mich schuldiger. Ich hatte nicht versucht, meine Schwestern zu finden, ich hatte drei Männer erschossen und damit ihre Familien zerstört, so wie sie vielleicht meine zerstört haben. Ich konnte mich nicht mehr ansehen. Jeden Abend lag ich weinend neben meinen Hunden und hoffte im Stillen, der Krieg würde enden, oder ich würde sterben. Doch dann dachte ich immer an Nightingale und die anderen Hunde und daran, dass sie doch nur mich hatten.
      Ständig war Fliegeralarm, sodass wir kaum noch rausgehen konnten und ich zusehen musste, wie meine Hunde immer trauriger wurden.
      Ich hatte so große Angst.
      Ich war so alleine.
      Ich wollte nicht mehr leben.
      Aber was hätte ich denn tun sollen? Ich musste weitermachen, ich musste meiner Verantwortung gerecht werden, um so irgendwann wieder ein normales Leben führen zu können. Irgendwann, wenn all das endlich vorbei war, irgendwann, wenn ich endlich erfahren würde, was mit meinen Schwestern geschehen war. Und obwohl ich versuchte, zu hoffen, fragte ich mich doch immer und immer wieder, ob wir diesen Tag noch erleben würden, ob der Krieg wirklich eines Tages endete.
      Ich stand vor dem Spiegel, um mir meine langen, schwarzen Haare abzuschneiden, damit ich wenigstens das Gefühl hatte, dass alles doch irgendwie normal war. Doch obwohl ich so sehr versuchte, mir das einzureden, war es immer noch eine Lüge.
      Seit einigen Tagen hatten wir nichts mehr zu Essen und ich sah, wie die Hunde immer schwächer wurden. Sie litten so sehr und ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte.
      Nach und nach starben sie und sie blieb nur noch ich übrig, alleine und völlig verstört.
      Ich konnte nicht mehr schlafen und so verbrachte ich die Nächte draußen, in der Hoffnung, ich würde endlich sterben. Und obwohl ich mir das so sehr wünschte, zuckte ich bei jedem noch so leisen Geräusch zusammen. Immer wenn ich die Augen schloss und versuchte zu schlafen, riss ich sie nach ein paar Sekunden wieder auf, weil ich dachte, jemand stünde vor mir. Niemals stand dort wirklich jemand und doch fühlte es sich jedes Mal so real an.
      Irgendwann sah ich, selbst wenn ich wach war, Menschen. Überall und zu jeder Zeit. In dieser schrecklichen Zeit weinte ich so viel, wie ich niemals zuvor geweint hatte. Niemand konnte mir helfen, niemand konnte mich retten. Warum war ich immer noch hier? Warum musste ich so leiden?
      Manchmal, wenn ich nur im Gras lag und in die Sterne blickte, wünschte ich mir, ich wäre an jenem Tag, an dem all das hier anfing, oben bei meinen Eltern geblieben, entweder um sie zu schützen oder, um gemeinsam mit ihnen zu sterben.
      Wie konnte ich nur so werden? Wie konnte ich mein Leben nur nicht mehr lieben? Ich war so ein schrecklicher Mensch. Hatte ich es denn überhaupt noch verdient, zu leben?
      Ich starrte auf meine weißen Arme, die von Narben übersät waren. Immer, wenn ich versuchte, Essen zu stehlen, musste ich über einen hohen Zaun aus Stacheldraht klettern und auch wenn es bitter nötig war, danke mir mein Körper dafür nicht. Meine Arme waren entzündet, doch ich konnte mir nicht helfen. Niemand konnte mir helfen. Ich war verloren, so einsam.
      Mama und Papa kamen mit Amelie und Inga durch das Gartentor zu mir. Sie lachten und keine Wunde war an ihnen zu sehen. Meine Schwestern waren älter geworden, natürlich waren sie das. Sie waren so schön. Ihre blonden Haare hatten sie zu Zöpfen geflochten und sie trugen schwarze Hosen und bunte Blusen. Mama trug ihr rotes Lieblingskleid und Papa seinen schwarzen Anzug. Sie waren so schön und ich weinte vor Glück sie zu sehen. Ich rannte auf sie zu, um sie zu umarmen. Doch als ich sie erreicht hatte, merkte ich, dass dort nichts als Luft war. Meine Familie würde wohl niemals zurückkehren. Und ich würde für immer alleine bleiben. Und obwohl ich wusste, dass sie unmöglich bei mir sein konnten, hörte ich doch immer wieder ihre Stimmen, ihr Lachen. Sie waren mein großes Glück gewesen, sie und die Hunde.
      Nightingale rannte glücklich über den Rasen und bellte aufgeregt. Irgendwo weit entfernt hörte ich eine Glocke läuten und es kam mir vor, wie ein ganz normaler, lauer Frühlingsabend. Vögel zwitscherten hoch im Baum. Lachend blickte ich auf. Doch was war das? Der Himmel war bewölk und ich hörte keine Vögel, sondern die Flugzeuge, die über mich hinweg jagten. Panisch sah ich mich nach Nightingale um, doch sie war nirgends zu finden.
      Bomben fielen auf den Boden. Mein Haus, das Haus meiner Eltern, brannte lichterloh, verbrannte meine Kindheit, alles was ich mal gewesen war. Nichts blieb von mir zurück, nur ich selbst. Schreiend saß ich zwischen den Trümmern, die einmal mein Zuhause gewesen waren. Ganz leise schlugen die Glocken in der Ferne, kaum hörbar und doch eindeutig da. Ich wusste nicht, wo ich nun hin sollte, Zuhause gab es nicht mehr! Ich musste weinen, ich konnte nicht mehr anders, jetzt, da ich alles verloren hatte, was ich einst war.
      Die Straße hinunter ins Dorf war zerbombt, überall lagen Leichen, überall hörte ich Schreie. Ich wollte helfen, doch wusste ich nicht, wie. Ich ging weiter, immer weiter. Was sollte ich denn verlieren? Vielleicht mein Leben? Ich lachte bei dem Gedanken daran, weil es einerseits absurd, andererseits verlockend klang.
      Immer und immer wieder sank ich ohnmächtig zu Boden. Ich musste mich um meine Wunden kümmern, etwas Essbares suchen. Aber nein, ich musste weiter, um jemanden zu finden der mir hilft. Dazu war ich bestimmt, das spürte ich.
      Als ein Soldat mich eines Abends fragte, wo ich hin wolle, wusste ich nicht was ich sagen sollte. Erzürnt stieß ich ihn weg und rannte weiter, wohin wusste ich nicht.
      Ich sah meine Mutter, meine leibliche Mutter, vor mir stehen. Ich hielt inne, betrachtete sie lange. Sie lächelte mich aufmunternd an, als wolle sie sagen: „Du schaffst das. Ich bin bei dir.“. Ich ging einen Schritt auf sie zu, doch sie löste sich in nichts auf.
      Ich schrie vor Schmerzen, doch keiner konnte mich hören, keiner konnte mir helfen. War ich vielleicht doch verrückt?
      Wind strich durch meine Haare, ein Wind, der sich so unglaublich friedlich anfühlte. Ich saß still dort und dachte darüber nach, wie alt ich wohl war. 19? 20? Es ist wohl das Jahr 2017. Genau wusste ich es aber nicht mehr. Eigentlich wusste ich nichts mehr genau. Alles in meinem Kopf schien ausgelöscht zu sein. Ich sah nur Nightingale und meine Familie noch klar vor mir. Niemand sonst hatte in meinem Kopf überlebt. Und in niemandes Kopf hatte ich überlebt.
      Ich sah, wie sich Menschen vor Glück in die Arme fielen, vielleicht waren sie Fremde? Die Flugzeuge verstummten langsam. War das hier Frieden? Konnte es Frieden sein? Ja, aber nicht für mich. Ich konnte nicht mehr im Frieden leben. Ich hatte alles verloren, selbst Teile meiner Erinnerung.
      Niemand war mir geblieben.
      Ich sank zu Boden und starrte in die unendliche Leere um mich herum. Wie wäre es wohl, wenn der Krieg nie gekommen wäre? Ich hätte nicht weglaufen müssen, hätte diese zwei schrecklichen Wochen zu Hause mit meiner Familie und den Hunden verbracht, vielleicht hätte ich schon studiert und würde arbeiten. Meine Eltern wären zusammen alt geworden und hätten Freude daran gehabt, zu sehen, wie ihre Kinder erwachsen würden. Mein Leben wäre so anders gewesen, so viel besser.
      Doch nun lag ich hier auf diesem kalten, dreckigen Weg und starrte in den Himmel, der heute vielleicht schön war.
      Um mich herum war alles so schön und doch wiederum nicht. Alles war gleich, nur ich war anders geworden. Ich konnte nicht mehr zurückkehren, konnte nicht mehr aufstehen. War da jemand? Hinter der Mauer? Ich weiß es nicht. Mein Kopf schmerzte so sehr, dass ich meine Augen benommen schloss und in eine schwarze Trance glitt.
      Alles hätte so schön sein können. Alles.